Vaias Spuren – Das Eggental nach dem Sturm

Datum
29.07.2019
Tags
Natur

Vaias Spuren – Das Eggental nach dem Sturm

Sturmholz. Windwurf. Windbruch. Das sind Bezeichnungen für Bäume, die aufgrund starker Stürme entwurzelt oder geknickt wurden – sie beschreiben, was nach der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 2018 im Eggental übrig geblieben ist.

Mit dem Durchzug des Tiefs Vaia kam es zu extremen Druckunterschieden im Alpenraum. Es tobten heftige Orkanböen mit bis zu 130 km/h. Die Kraft dieser Böen riss Bäume samt ihrer Wurzeln aus dem Boden: 5.900 Hektar Waldbestand in ganz Südtirol sind dem Sturm zum Opfer gefallen – das ist eine Fläche von etwa 8.300 Fußballfeldern. Allein in den Eggentaler Wäldern wurden dabei ca. 1000 Hektar, also 1.300 Fußballfelder, umgeworfen. Rund 500.000 Kubikmeter Holz fielen zu Boden, dies entspricht in etwa einem Volumen von 12.000 Autobussen.

Hauptsächlich sind die Waldzone zwischen Welschnofen und dem Karer Pass sowie jene zwischen Deutschnofen und Aldein betroffen. Die Straße von Welschnofen zum Karer Pass war aufgrund umgefallener Bäume mehrere Tage lang gesperrt und konnte nur dank der freiwilligen Arbeit von Feuerwehr und Helfern freigelegt werden. Durch den Windwurf kam es auch zu Schäden und Unterbrechungen in der Stromversorgung, welche ebenfalls dank raschem Eingreifen der zuständigen Unternehmen behoben wurden. 

Die Aufräumarbeiten begannen also sofort nach dem Jahrhundertsturm Vaia und wurden ohne Pause fortgesetzt, auch im Winter. Dank umfangreicher Investitionen der Forstbehörde konnten die Forststraßen wieder instandgesetzt, verbessert, verbreitert und zum Teil sogar neu gebaut werden, um die Aufarbeitung und den Abtransport zu ermöglichen und zu erleichtern. Mit hochmechanisierten Holzerntemaschinen und Tragerückschleppern helfen Firmen und Sägewerke auch aus Deutschland und Österreich mit. Liegende Äste und Stämme wurden zügig entfernt und fachgerecht eingelagert. In nur sieben Monaten konnten so im Eggental mittlerweile bereits rund 70 % des Schadholzes aufgearbeitet werden und es wurden ca. 20.000 Lkws Schadholz abtransportiert.

Ein tierisches Problem

Einer der Hauptgründe für die Eile beim Aufräumen ist ein sechsfüßiger, besonders gefürchteter Schädling: der Borkenkäfer. Er bohrt sich in die Baumrinde und hinterlässt dort seine Larven. Im Schadholz vermehrt er sich besonders schnell, befällt anschließend jedoch auch den gesunden Wald. Derzeit werden von den Forststationen der betroffenen Gebiete Borkenkäferfallen aufgestellt, um die Entwicklung und Vermehrung dieses Schädlings zu überwachen. In Kooperation mit der Universität Padua wird auch die Populationsdynamik der Holzbrüter untersucht, um ihre Ausbreitung soweit möglich einzudämmen. Das gesamte Gebiet wird sorgfältig beobachtet, um befallene Bäume rechtzeitig ausfindig zu machen und entfernen zu lassen.

Den zügigen Fortschritt dieser Aufräumarbeiten verdankt das Eggental der guten Zusammenarbeit zwischen den drei Eggentaler Gemeinden, Forststationen, Forstdömanen, Sägewerken und betroffenen Waldbesitzern: Die Sägewerke strecken den Waldbesitzern das Geld für die Schlägerungsarbeiten vor und liefern deren Schadholz rasch an europaweite Abnehmer. Derzeit sind in Europa zum Glück viele Absatzmärkte vorhanden – Frischholz ist momentan Mangelware.

Aufgrund der immer noch andauernden Aufräumarbeiten kann es im Laufe des Sommers kurzfristig zu Schließungen von Wanderwegen oder Teilstücken derselben kommen. Das gesamte Wanderwegenetz in mittlerer Höhenlage (1.200–1.700 m) wurde vom Sturm beschädigt, viele Wege waren durch liegende Bäume unzugänglich, andere müssen wieder komplett neu erschlossen werden. Aus diesem Grund wird angeraten, sich vor Antritt einer Tour Auskunft über die gefahrlose Begehbarkeit der Wege einzuholen und während den Wanderungen stets auf etwaige Verbots- oder Hinweisschilder zu achten.

Ein Blick in die Zukunft

Der größte Schaden, den Vaia verursacht hat, ist der wirtschaftlich-finanzielle Schaden gegenüber den Waldeigentümern: Durch das plötzliche Überangebot an Holz sind die Holzpreise auf die Hälfte gesunken, die Aufarbeitung des Sturmholzes ist jedoch um vieles aufwändiger, gefährlicher und dadurch auch kostenintensiver. 

Grundsätzlich setzt das Land auf Naturverjüngung – und auch wenn der Natur Großteils freier Lauf gelassen wird, müssen manche zerstörte Schutzwälder aus Sicherheitsgründen aufgeforstet werden. Obwohl einige Teile des Eggentals in den nächsten 150 Jahren nicht mehr so aussehen werden wie vorher, so hat Vaia doch auch etwas Positives bewirkt, im Tal: Die Menschen sind näher zusammengerückt – und haben einmal mehr erfahren, wie stark ihre Talgemeinschaft ist. Es ist eine neue Dynamik entstanden, aus der die Kraft und der Wille kommen, den Folgen des Jahrhundertsturms gemeinsam zu trotzen und das Beste daraus zu machen.

Die Natur selbst hingegen lässt sich von Vaia mit Sicherheit nicht klein kriegen. Sie nimmt sich die Zeit, die sie braucht, um auf den zerstörten Waldflächen wieder verschiedenste Pflanzen und Bäume wachsen zu lassen – die Artenvielfalt wird in den nächsten Jahrzehnten auf diesen Flächen sogar ansteigen, was vor allem auf das neue Platz- und Lichtangebot zurückzuführen sein wird, denn dadurch erhalten auch Insekten und Tiere neuen Lebensraum. Im Laufe der Zeit wird sich neuer Wald auf ganz natürliche Weise bilden, angefangen mit Gräsern und Kräutern, Sträuchern und Lichtbaumarten, Laub- und Nadelhölzern – bis, in ferner Zukunft, die Fichte das Gebiet zurückerobern wird.

Sarah Meraner

ist Verantwortliche für Digital Storytelling bei clicktext, der Südtiroler Agentur für Corporate Content und Bloggerin von „Geschichten im Kopf“. Sie erlebt die Welt mit allen Sinnen und erzählt von ihr. In Worten. In Geschichten. In Bildern.

Für die italienische Übersetzung dieses Textes verantwortlich: Serena Schiavolin, Translation-Fee und verantwortlich für den Italian Content bei clicktext. Sie haucht den Geschichten noch den typisch italienischen Touch ein!