Die Sängerin von Schloss Karneid
J. A.
Autor J. A. Heyl
Tag Sonne, Mond & Sterne

Die Sängerin von Schloss Karneid

Es wohnte eine Sängerin im Felsenschloss Karneid; sie sang wie eine Nachtigall von Liebe und von Leid.

Es mochte vor über tausend Jahren sein, da hatte die Schlossherrschaft von Karneid einen einzigen Sohn, den man den „grünen Ritter“ nannte, weil er immergrünes Reisig auf dem Helme trug und weil er sich fast nur dem Weidwerk auf den waldigen Höhen des Gumberberges widmete. Hier fühlte er sich daheim, hier streifte er stets herum.

Eines Abends, als er noch bei Tageslicht heimkam, saß seine Mutter auf der breiten Westseite vom Schloss an einem Fenster. „Setz dich her“, sagte sie, „ich muss einmal über wichtige Dinge mit dir reden!“ – Und als er sich genähert hatte, fing sie an, ihm zu erklären, dass er nun alt genug sei, um eine Ehe einzugehen.

„Du kennst natürlich sehr gut das Schloss Steinegg und wirst wissen, dass die dortige Herrschaft nur eine einzige Tochter hat, die einmal den ganzen Besitz erben wird. Sie ist ein sehr nettes Mädchen und jetzt 16 Jahre alt, also gerade passend für dich mit deinen 24.

Sie war neulich mit ihrer Mutter hier und brachte etwas Schönes mit, woran sie arbeitet: Es handelt sich um ein von einem Bozner Buchbinder mit Kunst und Geschmack hergestelltes großes Buch aus Pergament mit starken und schönen verzierten Deckeln.

Ingildis – heißt sie – hat sich nun daran gemacht, in dieses Prunkbuch mit viel Aufwand von Fleiß und Geschicklichkeit die Lieder eines alten, fast vergessenen Sängers einzutragen.

Ich würde dir raten, Besuch auf Steinegg zu machen und gleich zu bemerken, dass du durch mich von dem schönen Buch gehört habest.“

Der Sohn dachte viel darüber nach, bis plötzlich etwas geschah, was alle Erwartungen der Schlossfrau schnell zunichte machte. Als er am Abend heimkam, war er so erfüllt davon, dass er gleich seiner Mutter erzählen musste. „Denk dir nur“, sagte er: „wie ich da heute früh bei Sonnenaufgang langsam durch den Wald reite und gerade am Streitmoos vorüber bin, sehe ich plötzlich zwischen den dunklen Baumstämmen etwas Weißes; ich schaue genauer hin und erkenne nun, dass es ein wunderschönes Mädchen ist. Ich komme langsam näher; auf einmal wendet sie den Kopf, schaut mich an und verschwindet! Weg war sie so schnell wie ein Blitz.

Als ich dann oben beim Wiedenhof aus dem Walde herauskam und wieder Sonne um mich war, sah ich neben mir ein Weiblein sitzen. Und so beeindruckt war ich noch, dass ich mein Ross anhielt und dem Weiblein erzählte, was ich bei Tagesanbruch im Walde von Streitmoos urplötzlich erblickt und dann wieder aus den Augen verloren hatte. Die Alte wusste sofort, was das bedeutete.

„Dieses Mädchen“, so sagte sie, „ist eine Elfe, nämlich ein saliges Fräulein; sie trägt das helle Kleid aus Birkenbast und Immergrün; sie heißt Eldo-Mar; alle Saligen sind sehr scheu und schüchtern, aber sie muss über Euch eine Neuigkeit vernommen haben und das veranlasste sie, sich vor Euch zu zeigen.“ – So sagte die Alte, und dabei lächelte sie. Ich fragte sie gleich, ob eine Salige die Gattin eines Menschen werden könne. „Ja, das kann sie“, versetzte die Alte, „Aber auch damit hat es eine eigene Bewandtnis, denn wenn sie ihrem Ehegatten ein Kind schenkt, so altert sie sofort und wird in einem halben Jahre ein verschrumpftes, altes Weiblein. Wenn Ihr aber noch mehr wissen wollt, so begebt euch in den Rosengarten zu der Zauberin Langwerda, die weiß viel mehr als ich.“

Nachdem er das erzählt hatte, schaute der junge Ritter mit gespannter Erwartung auf seine Mutter.

Diese aber zeigte ob seines Berichtes eine große Enttäuschung.

Er entschloss sich schon am nächsten Morgen zum Rosengarten zu reiten und die Langwerda aufzusuchen. Diese war zwar wieder einmal in schlechtester Laune, aber sie hörte ihn doch an, als er ihr auseinander setzte, dass er die Salige Eldo-Mar als Braut für sich gewinnen möchte und dass es sein glühendster Wunsch sei, sie möge für immer so jung und so schön bleiben wie jetzt als Jungfrau im Streitmoos.

Die Langwerda meinte, sie könne das schon machen, doch müsse sie einen Zauberbann über die Salige aussprechen und sie dann unversehens in den See stürzen lassen. Kurz darauf wird sie gleich wieder frisch und munter am Ufer stehen. Und noch etwas: „von dem Zauber selbst und seiner Wirkung sagen wir der Braut nichts; wir tun so, als sei das alles nur ein lustiges Spiel gewesen.“ 

Sie gingen dann gleich durch den Wald hinunter zum Streitmooser See und da bauten sie eine winzige Brücke, in dem sie über eine schmale Bucht einen glatten, entrindeten Baumstamm legten, an dessen einem Ende der Ritter sich aufstellte. Nun musste er versprechen, mit allem, was ihm die Langwerda vorher mitgeteilt hatte, einverstanden und für immer zufrieden zu sein. Dann verschwand sie im Schilfe, holte Eldo-Mar an das andere Ende des als Brücke gedachten

Baumstammes, sodass sie dem Ritter gerade gegenüberstand. Hier aber stellte die Langwerda an die Salige die Frage, ob ihr jener Ritter als Bräutigam genehm wäre. Die Salige bekam rote Wangen und nickte nur. Da bedeutete ihr die Zauberin, sie möge über dem Baumstamm zu dem Ritter gehen. Eldo-Mar betrat den Baumstamm, aber in diesem Augenblick machte die Zauberin einen Witz, der die ganze Lage ins Lächerliche zog. Eldo-Mar zuckte zusammen, glitt aus und stürzte in den See hinunter; aber ohne, dass man sie schwimmen gesehen hätte, stand sie sofort am nahen Ufer. Da sprach die Zauberin zu dem Ritter:

„Und so wirst du sie nun haben, ewig jung und schön, doch das Wappen deines Hauses wird verlöschen und vergeh’n!“

Noch am sebigen Tage brachte der Ritter die Salige nach Karneid und stellte sie seinen Eltern vor. Hier wurde sie nun von der Burgfrau über das Geschehende eingehend befragt, bis sie alles genau geschildert hatte. Als das geschehen war, sagte die Burgfrau: „Also diese Langwerda ist eine Hexe, eine gefährliche Person, die versuchen wird, sich irgendwie an uns zu rächen.“

Eldo-Mar wurde nun in ein Turmzimmer gebracht, von wo man einen schaurigen Tiefblick in die Eggentaler Schlucht hatte, und dort hielt man sie gefangen. In einer mondscheindurchleuchteten Sommernacht begann sie zum ersten Mal bei offenem Fenster zu singen. Und das wurde ihr allmählich zur Gewohnheit.

Wenn die Leute der Umgebung nächtens unten vorbeigingen, dann sagten sie: „Horch, die Sängerin von Karneid.“

Ihr Auserwählter ritt in der weiten Welt umher, wo er überall Hilfe suchte für eine Fehde gegen Karneid. Er fand aber keine Krieger, die seine Gesellen hätten werden sollen.

Es vergingen viele Jahre und die Tage reihten sich aneinander in ewiger Eintönigkeit und Leere. Da geschah es, dass der Burgherr von Karneid plötzlich aus dem Leben schied.

Viele Nächte lang lag die Burgfrau schlaflos, und manchmal hörte sie ganz leise um das Schloss herum den Gesang von Eldo-Mar.

In einer endlosen, totenstillen Nacht stieg die Burgfrau die Treppen hinauf zu dem Turmzimmerchen, um die Sängerin zu besuchen.

Eldo-Mar war zuerst erschrocken. Aber dann erkannte sie die Stimme der Burgfrau. Diese sagte: „Längst wollte ich schon zu dir kommen, um mit dir über meinen Sohn zu reden; aber ich fürchte, du seiest sehr böse und feindselig wider mich.“

„Nein!“ sagte Eldo-Mar, „das sei ferne von mir; überhaupt, was bin ich gegen euch? Ich bin ja nur ein Kind des Waldes, ihr aber seid die mächtige Schlossherrin von Karneid und die Mutter meines Auserwählten!“

„Höre, Eldo-Mar“, erwiderte die Burgfrau, „ich werde jetzt Boten in ferne Länder schicken, um meinen Sohn zurückzuholen, und wenn er noch so denkt wie damals, woran ich nicht zweifle, dann sollt ihr beide neben mir wohnen und miteinander glücklich sein; der Schlossherr auf Karneid und das Mädchen aus dem Walde.“ Einen Augenblick war alles still, und dann umarmten sich die zwei Frauen, die beide Sehnsucht hatten nach demselben.

Nun dauerte es nicht lange, so meldete eines Tages der Torwächter in lauten Tönen die Ankunft seines neuen Herrn. Beide Frauen standen auf der Brücke und einige Kriegsknechte bei ihnen. Der Ritter aber sprang von seinem hohen Hengst herab und begrüßte zuerst die Mutter, dann die Braut. „Lange war ich weg“, sprach er, „aber wie viele Jahre es eigentlich sind, das weiß ich nicht; es könnten für mich auch über hundert gewesen sein.“ „Es sind sechzehn Jahre“, sagte die Mutter.

Es tat dem Ritter sehr leid, als er hörte, dass sein Vater gestorben war. Er wandte sich zu seiner Braut und sagte leise: Ich wollte gleich Hochzeit halten, aber nun verschieben wir sie um ein volles Jahr. Und dann soll es eine Hochzeit werden, wie die ganze Gegend noch keine gesehen hat.“

Als das Jahr sich nun vollendet hatte, da waren alle Bewohner von Karneid viele Tage damit beschäftigt, die Vorbereitungen für die Hochzeit zu treffen, die ein Fest für alle werden sollte. Dabei erfand der Ritter den Brauch der sogenannten „Mit“, der in vielen Gegenden heute noch geübt wird. Diese Mit besteht darin, dass man jedem Gaste, der sich nach dem Mahl entfernt, einen Korb mit allerhand guten Sachen „mit“-gibt, damit er die daheim gebliebenen Alten und Kinder auch beteiligen könne. Ebenso gibt man die Mit jenen Festgästen, die zu spät kommen und an den Tischen keinen Platz mehr finden.

Also auf Karneid wurde die „Mit“ erfunden, und es gab zu tun in Hülle und Fülle. Auch die alte Burgfrau beteiligte sich tagelang daran, indem sie die Liste der Gäste aufsetzte und von mehreren Knappen die Einladungen austragen ließ. Dabei vergaß sie niemanden, der mit Karneid nur irgendwie bekannt sein konnte. Nur ein Edelfräulein, das ihr einmal teuer gewesen war und dessen sie noch immer in Freundschaft gedachte, hatte sie zwar nicht vergessen, aber sie getraute sich nicht, dieses Edelfräulein einzuladen; es war die Buchmalerin Ingildis von Steinegg.

Das Hochzeitsfest auf Karneid hatte glänzend begonnen; der große Festsaal war schon voll von Gästen, denn fast der ganze Adel des Etsch- und Eisacktales war erschienen. Als der Festtrubel seinen Höhepunkt erreicht hatte, hörte man von draußen ein Horn: Knappen eilten hinaus und meldeten alsbald das Edelfräulein Ingildis von Steinegg sei mit glanzvollem Gefolge angekommen und ersuche um Einlass. Der Bräutigam und andere Herren wollten aufspringen, um ihr entgegenzugehen, aber die alte Burgfrau winkte ab und ging allein hinaus. Ingildis ließ sie nicht zu Wort kommen, sondern fragte nur ganz bescheiden, ob sie für kurze Zeit in den Festsaal hinkommen dürfe. Die Burgfrau sagte nichts, aber sie fasste sie am Arm und zog sie langsam feierlich hinein. Als man Ingildis den Mantel abnahm, staunten alle über ihr prachtvolles, reichlich mit kleinen Edelsteinen übersätes Gewand. Ein Knappe, der ihr gefolgt war, breitete ein großes, goldverziertes Buch vor ihr auf dem Tisch aus; sie blätterte darin und sagte: „Das ist das Buch, an dem ich viele Jahre lang gearbeitet habe; enthält die Lieder eines verschollenen Sängers; am Schluss befindet sich noch ein Gedicht, das ich gemacht habe; beides, das Buch und das letzte Gedicht, habe ich euch, dem Brautpaare, als Hochzeitsgeschenk zugedacht, und ich bitte nun die verehrte Burgfrau, das Schlussgedicht vorzulesen.“ – Sie legte es der Burgfrau vor, und diese las:

Die Sängerin vom Schloss Karneid.

Die sang in Nacht und Dunkelheit,

sie sang oft durch lange Stunden

von ihrer Seele schmerzlich Wunden.
 

So stand bei Wind und Wirbelsturm

sie stets in dem alten Erkerturm

bei schwindelnder Gefährde

an einem bitter kalten Herde.
 

Bis je der grüne Ritter kam,

der sie im Fluge mit sich nahm

auf seinem schnellen Pferde

mit fröhlich jubelnder Gebärde.

So lautete das Gedicht. Die Festgäste spendeten Beifall, und viele Frauen wollten sich das Gedicht abschreiben.

Aber Ingildis hatte nicht Lust, lange zu verweilen. Sie brach auf und wurde von der Schlossherrin hinausbegleitet. Kaum war die Ruhe eingetreten, so erhob sich Herr Ysenpant von Rottenburg, ein alter Freund des Hauses Karneid, und sagte: „Edle Burgfrau, verehrte Festgäste! Ihr habt jetzt Ingildis von Steinegg gesehen, die reichste Erbtochter im Eisacktale; wenn man ihr Auftreten betrachtet, möchte man meinen, sie sei ganz Hochmut, Eitelkeit und Stolz, aber das Gegenteil ist wahr, denn sie hat Augen wie ein ängstliches Kind und ihr Herz kennt nichts als Mitleid, Milde und Demut.

Vor einigen Wochen war sie bei mir und hat mir eine Urkunde übergeben, die besonders das verehrte Brautpaar angeht. Es ist ihre letztwillige Verfügung; zuerst kommen vielerlei Geschenke für ihre Leute, dann heißt es: „Alles übrige, was ich besitze, vor allem mein Schloss und meine sonstigen Liegenschaften, hinterlasse ich dem Burgherrn von Karneid, und zwar wünsche ich, dass schon am Tage meines Todes auf dem höchsten Giebel von Steinegg die Fahne der Karneider aufgezogen wird!“

Staunen erfasste sämtliche Festgäste, und das Brautpaar sah sich beglückwünscht und umjubelt.

Einige Jahre waren vergangen, und die alte Burgfrau lebte nicht mehr. Die Morgensonne beschien die Mauern von Karneid, und das ritterliche Paar saß auf dem Söller über der Torbrücke. Ein Waldhüter kam eben von den Bergen herab, und plötzlich liefen ihm aus dem Schloss ein paar Kinder entgegen.

„So habe ich es mir vielmals vorgestellt, wenn der Torwärter von der Rückkehr von der Jagd verkündete; da sollten dir unsere Kinder entgegenlaufen können“, sagte Eldo-Mar. „Liebe Eldo“, versetzte der Mann, „das wird nie geschehen.“ Und er machte ein ernstes Gesicht. Die Gattin erschrak und schaute ihn fassungslos an…Weil er aber schwieg, so fragte sie: „Was soll das heißen?“

Er zögerte einen Augenblick, dann fuhr er fort: „Du bist das schönste Weib, das ich jemals gesehen habe; so schön warst du schon als Mädchen im Streitmoos und so schön bist du noch heute und wirst es immer bleiben; damit du diese Schönheit nie verlieren könntest, habe ich dich von der Langwerda verzaubern lassen;

dafür müsste ich aber für mein Haus auf Nachkommenschaft verzichten. Dagegen lässt sich nie mehr etwas machen.“

Die Gattin betrachtete ihn mit verstörten Blicken, dann drückte sie ihre Hände an die Augen und seufzte leise: „Ach, was hast du getan?“

Die Jahre rollten weiter, und sie rollten immer schneller. Da geschah es eines Morgens, als die Schlossfrau sich erhob, dass sie zu ihrem Gatten sprach: „Heute sind es fünfzig Jahre seit dem Tage unserer Hochzeit.“

Die Frau schaute zum Fenster hinaus und sagte: „Jetzt werden die Tage immer schöner; die Sonne scheint schon auf die Torbrücke; möchtest du nicht zur Bank hinunter kommen? Ich gehe voraus“ „Ganz recht“, sagte der Mann, „ich komme gleich“

Er nahm Platz neben ihr und schaute starr zu Boden. Sie bemerkte es plötzlich und fragte: „Ist dir nicht gut?“

Da glaubte er, es ihr nicht länger verheimlichen zu sollen, und so fing er an, ihr seinen Zustand zu schildern. Eldo-Mar begriff sofort, dass die Lage todernst war. Sie sprang auf, und da fragte er plötzlich: „Bist du erschrocken – ach, warum denn?“

Da rückte Eldo-Mar näher zu ihm und legte ihren Arm um seine Schultern. Da fiel ihr auf, dass seine Augen starr in die Sonne blickten. Und als sie ihn an sich ziehen wollte, sank ihm das Haupt nach vorne, denn er war gestorben.

Die Rosen standen bunt umher,

die gelben und auch die roten,

sie aber hielt in ihrem Arme still

noch lange ihren lieben Toten!

Nun war das Geschick hereingebrochen, vor dem Eldo-Mar schon lange in Angst und Unruhe gezittert hatte: Sie stand allein in der Welt; der Abschnitt ihres Lebens war abgeschlossen, und sie musste zurück unter die elfischen Wesen, aus deren sie gekommen war. Sie dachte an die anderen Witwen, die ihrem Gatten bald in den Tod folgen könnten, wenn sie ihn verloren hätten; sie aber würde weiter leben und weiter trauern müssen, und es wäre auch ihr bestimmt, alle dreihundert Jahre nach Karneid zu kommen, um dort eine Trauerzeit zu verbringen. – So redete sie zu einigen Frauen der Nachbarschaft, und dann ging sie fort für dreihundert Jahre.

Aber das Volk der Karneider Gegend vergaß sie niemals, die Eldo-Mar, die Sängerin, die aus dem grünen Walde kam, in ihrem lichten Elfenkleid von Birkenbast und Immergrün. Es gab auch Lieder, die sich auf sie bezogen, so ein Lied der Kriegsknechte, das ich mir wie folgt vorzustellen wage:

Nie mehr wird sein weißes Wappen

in der Sommersonne blinken,

nie mehr wird vom hohen Söller

freudig die Gemahlin winken.
 

Niemals mehr wird ein Karneider

über diese schöne Brücke reiten,

um im reich verzierten Panzer

zu dem hohen Tor zu schreiten.

Es wird ausgestorben und verödet

die einst stolze Feste liegen,

niemals mehr in einem Kampfe

werden die Karneider siegen.
 

Und das kam so, weil die eine

einst in den Zaubersee gefallen,

wodurch sie das Schicksal prägte-

künftig den Karneidern allen.
 

Das Schloss Karneid wurde verlassen und zerfiel in Trümmer. Karneider gab es keine mehr und lange kümmerte sich niemand mehr um die herrliche Burg.

Es kamen neue Adelsgeschlechter, bauten die Burg wieder auf und herrschten auf ihr. Sicher ist, dass schließlich die Grafen Liechtenstein einzogen und durch eine Reihe von Jahrhunderten mächtig oben walteten. In dieser Zeit der Liechtensteiner soll dann auch wieder die Sängerin von Schloss Karneid gekommen sein und in manchen Nächten auf dem alten Turm gesungen haben.

Und wieder dreihundert Jahre später sei ein reicher Edelmann aus Bayern gekommen und habe das baufällige Schloss Karneid neu erstellen lassen. Da sei dann auch plötzlich wieder die Sängerin da gewesen und habe auf Karneid lange gelebt und dort gedichtet und gesungen.

Und wenn die Leute in Karneid und jene im Tal unten das geheimnisvolle Singen hörten, dann hätten sie gesagt:

 

„Die Sängerin auf Schloss Karneid

singt immer noch von ihrem Leid,

wenn sie einst vor Sehnsucht sang,

so singt sie jetzt vor Traurigkeit!“

 

Nach der letzten Jahrhundertwende jedoch sei sie fortgezogen – wohin, wisse man nicht – entweder in die Wälder von Streitmoos oder in den hohen Rosengarten oder in ferne Länder. Aber nach ungefähr dreihundert Jahren werde sie wiederkommen ...

nach J. A. Heyl

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