Zwischen Kochlöffel und Pedale

Datum
17.08.2020

Zwischen Kochlöffel und Pedale

Kurt Resch und Gerhard „Krauti“ Krautwurst über Südtirols Bike-Vergangenheit und wie die besten Freundschaften entstehen

Kurt Resch und Gerhard „Krauti“ Krautwurst: Zwei Köche, die biken. Oder doch zwei Biker, die kochen? So oder so – die Unterschiede zwischen den beiden könnten nicht größer sein. „Bei der Figur und beim Biken unterscheiden wir uns“, lacht Kurt. Doch gemeinsame Visionen, viele gemeinsame Jahre, eine Menge erreichter und unerreichter Ziele sowie die Liebe zum Genuss schweißen zusammen. Aber der Reihe nach:

Bio und Biking: Kurt

Am Ende des Bühlweges in Steinegg befindet sich das ruhig gelegene Hotel Steineggerhof. Nichts lässt vermuten, dass hier einer der größten Bike-Pioniere des Landes lebt – und arbeitet. Kurt Resch ist gebürtiger Steinegger und führt mit seiner Frau Sonja das Hotel – auch ihre drei Kinder Natalie, Lisa und Tommi arbeiten im Betrieb. Und obwohl hier drin alles so unscheinbar wirkt, steckt doch ganz schön viel Erzählenswertes in diesen vier Wänden. Zum Beispiel, dass es bike-mäßig hier ganz schön abgeht oder dass der Betrieb 2019 komplett auf Bio umgestellt wurde. Und dass er nicht nur klimaneutral, sondern klimapositiv arbeitet. Eine Mexiko-Reise des Chefpaares führte zu diesem Umdenken: „Wir haben damals den vielen Müll gesehen und waren schockiert, wie wenig man sich um unsere Umwelt sorgt.“

Veränderungen beginnen im Kopf

In den letzten Jahren hat sich in den Köpfen vieler so einiges getan: Die Bike-Szene und auch das Gesundheitsbewusstsein seien sehr viel größer geworden, erzählt der Hotelier: „Die Buchungsanfragen haben sich diesbezüglich verändert. Und danach richten wir uns. Man kann nur dann langfristig Gewinn erzielen, wenn man innovativ ist“. Kurt bezieht sich mit dieser Aussage auch auf die Beginne der Bikeszene in Südtirol. Denn er steht nicht nur bereits seit über 40 Jahren in der Küche, sondern sitzt seit 30 Jahren auch fest im Fahrradsattel. Für den Sport hat Kurt den Kochkünsten fast ein Jahrzehnt lang den Rücken gekehrt und stattdessen – als einer der ersten Bikeguides Südtirols – geführte Touren mit seinen Gästen unternommen. Erst vor ein paar Jahren ist Kurt wieder zurück in der Küche. Zusammen mit seinen Kindern hat er das Hotel in eine vegetarisch-vegane und nachhaltige Richtung gelenkt – Fleisch gibt es seither nur noch bei den Hauptspeisen und der Speck ist weiterhin hausgemacht. Kurt besitzt außerdem das Zöliakie-Zertifikat, eine weitere Anpassung des Angebots aufgrund sich verändernder Anforderungen. Auf den Geschmack und vor allem den Genuss wirken sich die Veränderungen in Kurts Küche nicht aus – ganz im Gegenteil. „Es ist alles eine Frage der Zubereitung“, sagt Kurt, der seit der großen Umstellung mit viel mehr Kreativität an die Arbeit ran geht.

Es ist zu früh, um aufzugeben :-)

Gerade in der Bikerszene war er schon vor Jahrzehnten besonders kreativ. Zu kreativ und … zu fortgeschritten. „Wir waren zu früh dran mit unseren Ideen“, schmunzelt Kurt. Für seine innovativen Vorstöße belächelt zu werden, ist der 54-Jährige allerdings schon gewohnt: Als alle anderen noch über die E-Bikes gelacht haben, hat er das Potential der „neuen“ Räder auf Anhieb erkannt. Und mit der umweltfreundlichen Ausrichtung seines Hotels … nun, da wird er in ein paar Jahren wohl nicht mehr der einzige Hotelier sein. Bis dahin verkrümelt sich Kurt Resch entweder an seinen neuen Lieblingsort, den Kräutergarten, kreiert mit seinen Kindern leckere vegane Gerichte, spielt mit seinem Enkelkind oder fährt sein E-Bike über anspruchsvolle Singletrails rauf – oder runter ... Denn Herausforderungen liebt Kurt auch bei seinem Lieblingssport! „Ich bin Extremtechniker und häufig hochalpin unterwegs – da trage ich mein Bike auch schon mal gerne irgendwo hinauf.“ Der Flow zwischen Gefahr und Gemütlichkeit mache es aus, grinst er.
 

Marketing und Biking: Krauti

„Kurt ist einfach ein grundehrlicher Mensch, bei dem ein Handschlag noch was zählt. Deshalb ist er auch mein Freund!“, schickt Krauti voraus. Die Bikeguides waren viel als Experten unterwegs – Krauti mit seinem Unternehmen und Kurt als Präsident der Bikehotels Südtirol (seit über 20 Jahren übrigens!). Das Ziel der ungleichen Kumpels war gleich klar: „Wir machen Südtirol zur besten Bike-Destination!“ Dass Südtirol eigentlich seit jeher ein „Bike-Schlaraffenland“ ist, war den beiden schon immer bewusst – zu Anfang standen sie mit dieser Überzeugung allerdings ganz alleine da. Erst  durch ihren unermüdlichen Einsatz konnten Kurt und Krauti dann so einiges bewegen.

„Servus, i bin do Krauti!“ 

Krauti selbst kommt aus der Buckligen Welt in Niederösterreich und ist vor 23 Jahren nach Südtirol gekommen – als Küchenchef im Zirmerhof. „Dort habe ich auch mit dem Mountainbiken begonnen“, erzählt Krauti. Schon bald habe er auch seine Frau Beate kennengelernt, die er kurz darauf geheiratet hat. Etwas später ist er im Hotel Erika ganz plötzlich vom Küchenchef zum Bikeguide avanciert. Küchenchef und Bikeguide in einem zu sein – das war nicht ohne, erinnert sich Krauti zurück. 


Das Eggental ist mittlerweile Krautis zweite Heimat. Sein größter Luxus: auf seiner Terrasse zu sitzen und den Latemar zu betrachten. Und auf dem E-Bike auf gemütlichen Forstwegen unterwegs zu sein, dafür hätte er gerne mehr Zeit.

Wenn der Name Programm … und Marke ist

2004 startete Krauti mit seinem Unternehmen „Krauti KG“. „Damals dachten alle, dass ich eine Mountainbike-Schule betreibe – dabei war das nur ein kleiner Teilbereich.“ Von den Fahrradträgern für Hotelbusse bis hin zu den ersten Bikestrecken Südtirols sowie der Ausbildung der ersten Bikeguides hat sich damals in der Bike-Szene sehr viel getan. „Mittlerweile sind die Bikeguides eine eingetragene Organisation mit rund 300 Mitgliedern“, erzählt der Wahl-Südtiroler. Früher, so erinnert er sich lachend, wurde man noch schief angeschaut, wenn man mit dem Fahrrad in einen Lift gestiegen ist. Für viele innovative Ideen war Südtirol einfach noch nicht bereit. Ideen, für die Krauti und Kurt erstmal selbst tief in die Taschen greifen mussten. Der Verkauf von Rädern war damals die Haupteinnahmequelle, dabei ging Krautis Vision viel, viel weiter. „Es waren sehr schwierige Zeiten, aus denen wir viel gelernt haben – und wir lernen noch immer.“ 
Aus den vielen einzelnen Projekten, die damals parallel gelaufen sind, ist irgendwann die Agentur entstanden: Krauti bietet Dienstleistungen in den Bereichen Vertriebsabwicklung von Fahrrädern und Zubehör (der Marken Ghost und WOOM beispielsweise), Marketing, Eventorganisation und eine umfangreiche Beratung inklusive Ist-Soll-Analyse für Hotels und Destinationen rund ums Thema Biken an. „Man muss selbst Biker sein, um die Message transportieren zu können“, ist er überzeugt. Und die Message transportieren, nun, DAS macht Krauti allemal. Nicht zuletzt durch seine „Krauti on Tour“-Videos auf Youtube, die er zukünftig noch professioneller angehen wird, um damit den Bereich Hotelmarketing voranzutreiben.

Wo die Zukunft hinfährt

Auch heute ist Südtirol noch nicht da, wo es in Bezug aufs Biken sein könnte. „Bei uns fährt einfach jeder überall, weil es viel zu wenig geleitete Wege gibt“, beschreibt Krauti das Hauptproblem bei den vielen Privatwegen im Land. Fakt ist: Durch das E-Bike ist der Sport für eine viel breitere Masse zugänglich geworden – dabei ist das Level aber nicht unbedingt gestiegen. Und obwohl es genügend Trails für die hartgesottenen Biker gebe, so müsse die Infrastruktur auch den Genussbikern angepasst und bestehende Forstwege ausgebaut werden. Krautis und Kurts Vision: Themenradwege, die die Menschen entschleunigen, auf denen Natur erlebt und verständlich gemacht werden kann. 

Und … Was hat Biken denn nun mit Kochen gemeinsam?

„Man muss leben, was man tut, dann ist jeder Prozess ein ganz anderer – beim Biken, wie auch bei der Überzeugung nachhaltig zu leben und zu kochen. Außerdem muss man tolerant sein und den Leuten die Zeit geben, die sie für ihren eigenen Prozess benötigen“, erklärt Kurt. Und ein Bike-Abenteuer ohne anschließendes Mahl sei halt nur eine halbe Sache, meint Krauti mit einem Augenzwinkern. Kein Wunder also, dass sich die beiden wohl nie für das eine oder andere entscheiden könnten. ;-)
 

Sarah Meraner

ist Verantwortliche für Digital Storytelling bei clicktext, der Südtiroler Agentur für Corporate Content und Bloggerin von „Geschichten im Kopf“. Sie erlebt die Welt mit allen Sinnen und erzählt von ihr. In Worten. In Geschichten. In Bildern.

Für die italienische Übersetzung dieses Textes verantwortlich: Serena Schiavolin, Translation-Fee und verantwortlich für den Italian Content bei clicktext. Sie haucht den Geschichten noch den typisch italienischen Touch ein!