Bunt, blühend - BIO

Datum
13.03.2020

Bunt, blühend - BIO

Zwei besondere Eggentaler Gemüsebauern 

Obwohl Generationen die beiden voneinander trennen, so ist das Leben von Anna-Maria Gall und Michael Pfeifer gar nicht so verschieden: Sie bauen alte und seltene Gemüsesorten an – natürlich und nachhaltig. Wir haben Eggentals Gemüsebauern einen Besuch abgestattet.

Anna-Maria und der wilde Garten

In einer kleinen Seitenstraße Richtung Gummer, direkt im Berghang, da gibt es eine kleine, sonnenbeschienene Wunderwelt: den Garten von Anna-Maria Gall! Seit 34 Jahren lebt sie auf dem Kronlechnerhof in Welschnofen und hat seither ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Eine wilde Mischung aus unzähligen Gemüse- und Kräutersorten gedeihen auf ihrem Acker. „Ordnung sucht man bei mir vergeblich“, lacht die Gemüsebäuerin und fügt hinzu: „Die Natur ist wild und so mag ich sie am liebsten! Kräuter und Gemüse wachsen bei mir nebeneinander, das eine hält vom anderen die Schädlinge fern – und ergänzen sich also hervorragend!“ Wie groß ihre Anbaufläche ist, das weiß Anna-Maria selbst nicht genau. Sie wandelt einfach immer dann ein Stück Wiese in Nutzfläche um, wenn sie diese braucht. Ein riesiges Gewächshaus beherbergt Tomatensträucher, ein kleines Holzhäuschen Maracuja und junge Pflänzchen. Süßkartoffeln sprießen in einem Riesentopf und Ananaskirschen kriechen neben Zucchini über den Boden – „Die kann wie Physalis eingesetzt werden und schaut auch so aus! Sehr intensiv im Geschmack“, weiß die Kräuterbäuerin über die Ananaskirsche zu erzählen. Bei ihren Abnehmern besonders beliebt: Kürbisse. Von der Artischocke über dutzende Salatsorten und Topinambur bis hin zum Kohlgemüse, Spinat und Erdmandeln gedeiht bei ihr alles, was man sich so vorstellen kann – und noch mehr: Anna-Maria ist vor allem für die teilweise sehr alten Pflanzensorten in ihrem Garten bekannt  – seit fünfzehn Jahren kultiviert sie diese Raritäten schon. Sie findet diese meist auf Tauschmärkten und züchtet sie dann weiter. Oder besser gesagt: Die Pflanzen züchten sich selbst weiter, schießen in die Höhe und bilden Blüten und Samenstände, bis daneben aus dem Boden neue Pflänzchen wachsen. So können sie sich auch selbst den Ort aussuchen, an dem es ihnen am besten passt. „Es kann schon vorkommen, dass eine Sorte in einem Jahr einfach gar nicht gedeiht. Da lernt man dann aber immer etwas daraus, was man im nächsten Jahr dann besser machen kann. Den Kohl kann ich im Sommer zum Beispiel vergessen, der wächst bei mir immer erst im Herbst – so, wie es sich eigentlich ja auch gehört“, erzählt sie mit Bewunderung in den Augen. „Eigentlich muss ich gar nicht so viel machen ... Ich verwende ausschließlich Kuhmist für meine Pflanzen – und damit gedeiht eh das meiste jedes Jahr wieder von ganz alleine!” Das große Wissen über die Pflanzen hat sich Anna-Maria durch viele Gespräche auf den Tauschmärkten, bei Führungen und auch Kursen angeeignet. 
Wenn Gemüse übrig bleibt, dann verarbeitet Anna-Maria es einfach. Sie legt es ein, trocknet es, macht Suppengewürz daraus. Natürlich hält sie nicht alles zum Eigengebrauch, sie hat einige treue Kunden, die gerne naturbelassenes Gemüse aus dem Eggental kaufen – meist sind das Privatpersonen und die eine oder andere Pension aus dem Dorf. Anna-Maria arbeitet auch mit zwei passionierten Köchen gehobener Restaurants aus dem Dorf zusammen und beliefert sie jede Woche mit den verschiedensten Gemüse-Raritäten und Kräutern. „Die Köche mögen vor allem meine kleinen Salate und Gemüse, deswegen muss ich sehr darauf achten, dass sie immer klein gedeihen. Aber eigentlich mach ich das ganze gar nicht, um zu verkaufen. Es ist einfach mein Hobby!“, strahlt sie und spaziert weiter durch die blühenden und duftenden Sträucher in ihrem Garten – ihrer ganz eigenen Wunderwelt.

Michael und der bunte Acker

Michael Pfeifer vom Eisathhof in Deutschnofen ist erst 21 alt, nichtsdestotrotz hat er seinen gigantischen Gemüseacker voll im Griff: Rund 500 Gemüse, Getreide und Kräuter zählt man hier. Karotten in allen Farben, Kräuter zwischen Salatköpfen, ein ganzes Gewächshaus nur für Tomaten – allein davon zieht der junge Permakultur-Bauer ungefähr 50 Sorten auf, darunter weiße, gelbe und auch ganz dunkle. Wie Anna-Maria, hat auch er ein Faible für alte Gemüsesorten. „Ich find’s einfach spannend, altes Gemüse wiederzuentdecken – an manches können sich meine Großeltern sogar noch erinnern. Da frag ich mich schon oft, wie es sein kann, dass eine ganze Gemüsesorte innerhalb von 60-70 Jahren fast in Vergessenheit gerät! Aber viele der alten Gemüsesorten sind für die moderne Lebensmittelindustrie einfach viel zu umständlich anzubauen, zu lagern und auch zu verarbeiten, Haferwurzeln, Gartenmelde oder Schinkenwurz zum Beispiel”, weiß Michael. Qualität und Vielfalt ist ihm bei seiner Arbeit das Wichtigste. 
Anders als bei Anna-Maria, ist Michaels Acker sehr geordnet, kleine Wege führen an den farbenfrohen Beeten vorbei. Jeder hat eben seine eigene Art, Gemüse anzubauen. Der junge Gemüsebauer hat die Gärtner-Gene seines Vaters geerbt – mit 17 Jahren hat er damit begonnen, Gemüse anzubauen und zu verkaufen. Schon als Kind hat er mit seinen Freunden „Gemüsecontests“ veranstaltet und verglichen, bei wem es besser wächst. Mittlerweile gehören ein renommiertes Sterne-, sowie ein Hauben-Restaurant im Eggental zu Michaels alleinigen Abnehmern – bis auf seine Familie, natürlich. 
Immer wieder versucht sich Michael an neue Gemüsesorten – in diesem Jahr ist es die Süßkartoffel. Ein Drittel von dem, was Michael anbaut, ist Getreide: Emmer, Dinkel, Roggen, Mais, Hafer und Weizen. Den Anbau führt er nach den Richtlinien der Permakultur: „Ich wusste gar nicht, was Permakultur ist und hab dieses nachhaltige Konzept für Landwirtschaft und Gartenbau eigentlich von Anfang an unbewusst praktiziert“, erzählt er. „Den Kreislauf der Natur zu erkennen und möglichst nah daran zu arbeiten ist für mich ganz selbstverständlich.” Und so geht probieren auch im Gemüseanbau über studieren: „Manchmal gefällt dem Gemüse der Platz nicht, den ich ausgesucht habe – dann muss ich es nächstes Mal eben woanders hinsetzen. Beim Anbau habe ich außerdem gelernt, dass ich mich nach der Natur richten muss: Manche Gemüsesorten muss ich vor den alljährlichen Schauern schützen. Andere Sorten, wie zum Beispiel Rohnen oder Karotten werden durch ihn viel geschmacksintensiver – weil sie bei äußeren Angriffen mehr Aromastoffe bilden. Deswegen habe ich auch Mischkulturen angelegt, weil die Duftstoffe der einen die Schädlinge der anderen Pflanze abwehren und umgekehrt.” Michael gießt seine Pflanzen außerdem nicht, sondern mulcht den Boden mit geschnittenem Gras – so bildet sich Humus und die Erde bleibt feucht. Viel Geduld braucht es, sagt er, aber das macht ihm nichts aus. 
Zweitausend Quadratmeter misst sein üppiger Gemüseacker, bei dessen Anbau ihm auch sein Vater hilft, vor allem in den arbeitsintensiven Zeiten. „Da steh ich um fünf Uhr morgens auf und geh um elf Uhr abends ins Bett“, sagt er über den Frühling, wenn die meiste Arbeit anfällt: pflügen, mulchen, setzen. Alles Handarbeit. Im Winter erntet er das gesamte Wurzelgemüse, Karotten, Pastinaken und Topinambur beispielsweise, legt es in Holzkisten, deckt sie mit feuchtem Sand zu und macht sie so auf ganz natürliche Weise haltbar.„Das funktioniert super!”, sagt Michael stolz. 
Auch zuhause lebt der junge Deutschnofner die Natürlichkeit und verarbeitet sein Gemüse auch für den Eigengebrauch: „Es ist wichtig zu wissen, wie die Produkte schmecken und wie man sie am Besten verarbeiten kann.”
In den nächsten Jahren will er das Pflügen, bei dem ihm momentan noch ein Traktor hilft, auf einen Pferdepflug umstellen. Das sei nachhaltiger und ursprünglicher – passe also besser zu ihm. In der Tat! 

Sarah Meraner

ist Verantwortliche für Digital Storytelling bei clicktext, der Südtiroler Agentur für Corporate Content und Bloggerin von „Geschichten im Kopf“. Sie erlebt die Welt mit allen Sinnen und erzählt von ihr. In Worten. In Geschichten. In Bildern.

Für die italienische Übersetzung dieses Textes verantwortlich: Serena Schiavolin, Translation-Fee und verantwortlich für den Italian Content bei clicktext. Sie haucht den Geschichten noch den typisch italienischen Touch ein!