Da singen ja die Hühner!

Datum
31.07.2019
Tags
Natur

Da singen ja die Hühner!

Wenn man nach Deutschnofen fährt, ist es immer ein kleines bisschen so, als wäre man auf dem Weg zu einem Bilderbuch-Ponyhof. Die einzigen Pferde, die ich heute aber sehe, grasen auf einer Weide, an der ich mit dem Auto vorbei fahre. Mein Weg führt heute nämlich zum Badstuberhof, einem Hühnerhaltungsbetrieb mitten in der idyllischen Natur des Regglbergs, mit, aufgepasst: sage und schreibe 1.700 Hühnern!

„Hühnertata” und „Hühnermutti”

Luis Thaler begrüßt mich auf seinem Bauernhof und lädt mich gleich dazu ein, ihm in den Raum zu folgen, wo gerade die Eier gewogen und eingepackt werden – so schnell wird man vom Büro-Trott in den ländlichen Alltag eines Hühnerbauern katapultiert! :) Diesen Alltag haben Luis und seine Frau Astrid, die sich bei meinem Besuch immer wieder gegenseitig liebevoll „Mutti” und „Tata” nennen, voll im Griff: Astrid legt gerade händisch jedes einzelne Ei auf eine eigene Waage: Ca. 1.500 Eier rollen hier jeden Tag drüber. M oder L, was für mich wie Kleidergrößen klingt, das bezeichnet  hier bei den Thalers die unterschiedlichen Größen der Eier.
Der kleine Raum, in dem Astrid und Luis ungefähr drei Stunden täglich verbringen, um die Erzeugnisse ihrer Hühner zu wiegen, einzuordnen und zu verpacken, ist voller 6er-Eierkartons, größeren 30er-Plateaus und Verpackungsmaterial. Jeder Handgriff sitzt: Ei auf die Waage, Ei in die richtige Eierschachtel, Eierschachtel zu, Etikett drauf und rein damit in den großen Karton. Kein Wunder, immerhin machen die beiden das mittlerweile schon seit 2001! Der Arbeitstag hat seinen festen Ablauf: Um halb sechs Uhr morgens ist Astrid schon im Hühnerstall, um die ersten Eier des Tages einzusammeln, um nachzuschauen, ob die Fütterungsmaschinen funktionieren und um den Tieren das Gehege nach draußen zu öffnen. Der Badstuberhof hält nämlich Freilandhühner!
Auch Luis hat morgens alle Hände voll zu tun: Er liefert die Ware an die insgesamt 15 Kunden im Eggental, Bozen und im Fassatal aus. Sobald Luis am späten Vormittag zurück auf den Hof kommt, geht das Ehepaar gemeinsam nochmal in den Stall – um diese Zeit gibt es die meisten Eier zum Einsammeln.  

Eierlegen: kein Zufallsprinzip

Ich erfahre ganz schön viel Neues – und das, obwohl wir noch nicht mal bei den Tieren selbst waren! Thalers Hühner sind ausschließlich für die Eierproduktion da und die folgt bei Weitem keinem Zufallsprinzip. Luis und Astrid erzählen mir zum Beispiel, dass ein Huhn sechs Mal in der Woche ein Ei legt, also fast jeden Tag eines. Und dass diese sechs Eier alle gleichzeitig in der Gebärmutter des Tieres heranwachsen. „Einmal hat uns der Tierarzt bei einem toten Tier die Eierstöcke gezeigt, gell Tata?”, erzählt Astrid. „Immer sechs Eier sind im Tier drin, vom kleinsten ohne Schale bis zum fertigen Ei, das das Huhn am nächsten Morgen legt. Den Lege-Rhythmus hat das Tier in sich. Um 5 Uhr morgens geht im Stall automatisch das Licht an – dann gehen die ersten Hennen schon zum Legen.” Ich bin beeindruckt: So eine Henne ist fast wie eine vorprogrammierte Legemaschine!

Ei ist nicht gleich Ei

„Wir verwenden als Futter eine Getreidemischung, die gentechnikfrei und kontrolliert ist.” Der Anteil des Mais im Futter bestimmt, ob die Farbe des Dotters gelblich oder orange wird. „Auch bei hoher Sonneneinstrahlung werden die Dotter gerne etwas heller”, lasse ich mir von den Bauersleuten erklären, „aber geschmackliche Unterschiede gibt es keine.”
Luis zeigt mir ein Ei, bei dem die Schale ganz „runzelig” ist – diese eigenartige Form tritt auf, wenn ein Huhn plötzlichen Irritationen ausgesetzt war. Wenn der Habicht seine Runden zieht zum Beispiel, oder ein Gewitter kommt. Die Qualität sei aber immer dieselbe. Diese „Runzel-Eier” werden als andere Güteklasse deklariert und zum Beispiel für die Nudelproduktion verwendet.
„Unsere vier Monate jungen Hennen legen anfangs noch kleine Eier, bei denen auch manchmal der Dotter fehlt.” Und oft gibt es auch zu große Eier, die zwei Eigelb enthalten – sie werden im Geschäft nicht verkauft. Dafür sind sie bei den Privatkäufern, die direkt auf den Hof kommen, sehr gefragt.
„Nach ungefähr eineinhalb Jahren kommen die Hennen in eine Legepause”, erzählen Astrid und Luis. „Legeleistung und Qualität nehmen dann ab, weshalb die Tiere wieder abgeholt werden und meist zu anderen Bauernhöfen kommen. Wir müssen natürlich darauf achten, dass das Geschäft für uns rentabel ist. Wir sind ja auf keinem Ponyhof, gell Mutti”, scherzt Luis und zeigt mir noch stolz die Eierschachteln mit Thalers Familienwappen.

Hühnerparadies XXL

Es ist schon ein kleines Paradies, wo Luis, Astrid und ihre 1.700 Hühner leben. Hier, auf leuchtend grünen Wiesen, zwischen Wäldern und mit Blick auf Weißhorn, Schwarzhorn, den Zanggenberg, Latemar und Rosengarten, die Langkofelspitze und den Schlern. Luis erzählt mir von den Anfängen der Hühnerhaltung: „Wir hatten vorher einige Milchkühe, haben dann aus dem alten Kuhstall den ersten Hühnerstall gebaut, mit ca. 300 Hennen. Den alten Stadel haben wir geteilt und nochmal 400 dazugenommen. So haben wir dann eine Weile gearbeitet und 2009 haben wir den großen Stall da oben mit 1000 Hennen dazugebaut!”, verrät mir der „Hühnertata”. Begleitet vom Hofhund führen mich Luis und seine Frau über den Hof. Die Hühner dürfen hier ab frühmorgens den ganzen Tag frei herumlaufen. Als wir zum neuen, großen Stall hinübergehen, muss ich schmunzeln: Die wenigen Hennen, die sich heute im Freien befinden, sammeln sich bei der Hitze allesamt im Schatten, die anderen bleiben heute lieber drin. Erst als Astrid und Luis etwas Futter auf der Wiese ausstreuen, trauen sich einige der Tiere auf die Wiese – und ich bekomme so langsam eine Ahnung davon, was die Zahl 1.700 bedeutet: Auf einmal befinde ich mich in einem Meer aus braun-roten Federn und gackerndem Singsang! „Wenn die Hühner ein singendes Gackern von sich geben, sind sie glücklich, so sagt man”, lacht Astrid.

Auf Kuschelkurs mit Berta

Die Tiere sind neugierig und kommen mir sehr nahe. Zwischendurch spüre ich, wie mir eine Henne an meine Schnürsenkel pickt. „Abends gegen 19.00 oder 20.00 Uhr bringen wir die Tiere wieder in den Stall, viele gehen auch schon von alleine hinein.” Ich bin beeindruckt, wie die Hühner den Alltag auch schon in sich drin haben und wie zahm sie sind. „Du kannst ruhig eine fangen und hochheben!”, ermuntert mich Luis, der schon ein Exemplar auf dem Arm trägt. Ob ich es schaffe, ein Huhn zu fangen? Sofort muss ich an Filmszenen denken, in denen Leute verzweifelt wild gackernden und mit den Flügeln schlagenden Hühnern hinterherjagen. Aber nein, ich irre mich: Langsam gehe ich in die Hocke und umschließe mit meinen Händen vorsichtig, aber bestimmt ein Huhn – und tadaaa! Zum ersten Mal in meinem Leben gehe ich auf Kuschelkurs mit einem Federvieh! Zu meiner Überraschung fühlt es sich extrem weich und ja, tatsächlich kuschelig an, wer hätte das gedacht? :) Schade, dass du keinen Namen hast, denke ich und taufe mein Huhn heimlich Berta – weil ich glaube, dass Hühner einfach so heißen müssen.
Dann werfen wir noch ein Blick in den großen „Vorraum” des Stalles, vor dem wir uns befinden: Hier tummeln sich ganz schön viele von Luis’ gackernden Ladies, alle hübsch und adrett in ihrem braunen Federkleid. „Die glänzenden Federn sind ein Zeichen dafür, dass sie gesund sind”, erklärt Luis, der sichtlich stolz auf seine Damen ist.

Schnelles Hühner-Einmaleins

Noch immer bin ich von der großen Anzahl der Tiere beeindruckt, die um mich herumwuseln. Die meiste Zeit halten sie sich hier auf, weil es ihnen – so wie jetzt im Sommer – draußen auf der Wiese zu heiß ist oder aber weil sie im Winter nicht in den Schnee hinaus möchten. „Den mögen sie nämlich gar nicht, da kriegen sie kalte Füße”, lacht Luis. Bei einer so großen Hühnerschar müssen Tata Luis und Mutti Astrid auf viele Dinge achten: „Wir müssen gut aufpassen, dass es im Stall keine Zugluft gibt, damit die Hennen keinen Geflügelschnupfen bekommen. Die Legeleistung geht dann nämlich drastisch zurück, alle stecken sich an und einige der Tiere überleben den Schnupfen auch nicht. Ansonsten ist frisches Wasser das Wichtigste, zu dem sie natürlich immer freien Zugang haben – wie auch zum Futter.” Hier drin toben die Hennen am liebsten im Sand herum, sie baden sozusagen. Etwas Sand fressen sie auch, das tut ihrer Verdauung gut, lasse ich mir erklären.
Zu guter Letzt noch ein Blick in den Stall, wo die Hühner gerade das tun, was sie besonders gut können: legen! Hier zeigt Luis mir den Getreidespeicher, die Futterstellen und das Legenest. „Der Ort, an dem sie das erste Mal gelegt haben, bleibt dann ihr Leben lang ihr Legeplätzchen”, weiß Luis. Die Nester sind gleichzeitig schief angelegte Abrollnester; der Großteil der gelegten Eier kullert so direkt auf eine Art Fließband, welches wiederum in einen Vorraum führt – bei 1.500 Eiern täglich eine große Hilfe für die Bauersleute; viele sammeln sie aber trotzdem noch direkt im Stall ein. Die letzten, wenigen Eier des heutigen Tages werden jetzt am Nachmittag noch „eingefahren” – und ich kann dabei zuschauen! :)
Mich kitzelt es schon etwas in der Nase, daher schnell nochmal mit einer Hühnerdame kuscheln – dieses Mal ist es eine Luisa –  und dann ab nach draußen!
 

Mit den Hühnern leben – ein Leben lang

Es ist eine große Aufgabe, der Luis und Astrid jeden Tag nachgehen – einen längeren Urlaub gönnen sich sie beiden daher eigentlich nie. „Wenn, dann gehen wir mal ein Wochenende zum Wellnessen”, verrät Astrid bei einem Gläschen Holundersaft, bevor ich mich wieder auf den Rückweg mache, „aber ich bin eh am liebsten hier auf dem Hof.” Ihre Kinder packen bei Bedarf aber schon mit an. „Der Sohn wird die Hühner eines Tages auch übernehmen.“ Und das dauert gar nicht mehr so lange, denn Astrid und Luis haben nur noch zwei Jahre bis zur Pension. „Ganz weg sind wir dann aber sicher nicht”, schmunzelt Luis. Und so wie ich die „Mutti” und den „Tata” erlebt habe, glaube ich ihnen das aufs Wort.
 

Sarah Meraner

ist Texterin und Content Scout bei clicktext, der Agentur für Content- und Social-Media-Marketing, und Bloggerin bei „Geschichten im Kopf“. Sie erlebt die Welt mit allen Sinnen und erzählt von ihr. In Worten. In Geschichten. In Bildern.