Sonnenaufgangstour

Autor
Maria Hilber
Datum
19.10.2018
Tags
Natur , Wandern

Sonnenaufgangstour

Durch die weiße Nacht – hin zur Sonne 

Sonnenaufgangswanderung vom Karerpass zur Poppekanzel

Über unseren Köpfen wandern die Sternzeichen dahin. Mit dem großen Wagen und Orions Gürtel gehen wir am Abend vor unserem großen Erlebnis zu Bett. Es ist eine kurze Nacht: Um sechs Uhr morgens versammeln wir uns bereits vor dem Hotel Moseralm, zur letzten Sonnenaufgangswanderung der Sommersaison.

In der Höhe liegt schon zuckerweißer Schnee und unsere Nasenspitzen werden kalt und ein kleines bisschen spitzer. Doch wir sind gut gerüstet. 

Vom Hotel Moseralm, das mittendrin liegt im Karer Wald, fahren wir zu acht mit dem Kleinbus los. Hoch geht's, zum Karerpass auf 1.745 Metern Höhe! Vorbei am Grandhotel und an anderen märchenhaften Bauten, steigen wir eingemummelt und mit Stirnlampen ausgestattet aus. Am Himmel ruht der Mond wie ein weißer Weiser zwischen einigen Wölklein und blickt auf uns herab.

Über eine sanfte Steigung geht’s erstmal hoch. Die Stirnlampen flackern über Stein und Wurzelstock. Es wird geschnackt und geplappert. 

Dunkle Baumschatten säumen unseren Weg. Riesenhaft wirken sie und doch freundlich im mondweißen Licht. Auf Halbweg, dort, wo die Pistenflur in den Berg übergeht, knirscht schon die dünne Schneedecke unter unseren Füßen. Einfach ist’s für den, der Wanderstöcke hat. Die anderen setzen vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Vorbei an schneebedeckten Alpenrosen, über die weißen Dolomitenpfade. Eine Funkanlage, die aussieht wie eine riesige Werbetafel sorgt für einen Lacher. Nein, hier wird keine Werbung gemacht, hier werden Daten übertragen. Mitten aus dem Dolomitengestein hinaus in den Kosmos. 

Dieser Stunde wohnt ein Zauber inne

Es ist nun still. Lediglich unser Atem ist zu hören. Ich lausche in den Morgen hinein. Immerhin wandern wir ins Herz DER Sagenwelt. Und je höher wir steigen, desto stärker bläst der Wind und verfängt sich im Wald unter uns, in den Büschen, Ästen und Stämmen. Leise pfeifende Töne begleiten uns. Wir halten inne, wir staunen, wir gehen weiter. In der Ferne glimmt bereits das Licht aus den Schlernhütten. Ja, wir sind wohl nicht die einzigen Frühaufsteher. Der Rosengarten aber ist noch in Nachtblau gehüllt und schläft.

Unsere Zick-Zack-Kurven werden enger, das Dolomitengestein nimmt Konturen an, mit jedem Schritt. Die erste Morgenröte umspielt die Belluneser Bergrücken in der Ferne. Ich fühle mich majestätisch und erhaben … und irgendwie verzaubert. Man kann es spüren: Der Sonnenaufgang ist nah, das Tageslicht nimmt zu und die weißen Dolomitensteine bekommen ein Antlitz.

Erst die letzten Meter zur Poppekanzel werden zu einer kleinen Kletterpartie. Wer hoch will, der sagt der Höhenangst ade. Die Kletterführer Monika und Ivan reichen uns die Hände. Ich bin ein bisschen froh.

Latemar am frühen Morgen
Sonnenaufgang in Carezza Dolomites
Morgenröte

Wie ein gelber, flammender Ball

Oben warten wir noch, aber nur kurz. Der rote Streifen am Horizont wird blasser und als jeder seine Position auf dieser Kanzel gefunden hat, flammt die gelbe Sonne in der Ferne auf. 

Nach und nach tauchen die Bergspitzen und Rinnen ins Licht. 

Wanderführerin Monika stimmt ein Lied an und wieder durchflutet uns die Größe dieses Moments. „Vor dir neigt die Erde sich - und bewundert deine Werke.” 

Die Sonnenstrahlen versuchen uns zu wärmen, aber der Wind hat definitiv die besseren Karten. Wir stemmen uns dagegen. Es ist uns egal. Still werden wir wieder. Und klein sind wir. 

Genau für diesen Moment hat Monika, die gute Seele und Besitzerin des Hotel Moseralm, bestens vorgesorgt. Sie verteilt einen Zaubertrunk, der verdächtig nach Kirschlikör schmeckt. Und Schokotörtchen samt Kaffee. Und dann noch einen Tee, der wohl auch nicht ganz ohne Schuss war. JETZT ist uns warm.

Morgenröte am Rosengarten
Morgenpanorama
Rosengarten im Morgenlicht

Fast bis nach Venedig

Vor uns der Rosengarten. Die Sonne über der Marmolata mit ihren beeindruckenden 3.343 Höhenmetern. In der Ferne die Zillertaler Alpen und hinter uns die Felstürme des Latemars – letztere sind die Puppen, im Südtiroler Dialekt „Poppen“. Der Sage nach handelt es sich bei diesen weißen Steintürmen um versteinerte Puppen, die einst einem reichen Venezianer gehörten. Wir blicken den Puppen sozusagen genau ins Gesicht. Und dann wieder in die Ferne – fast bis nach Venedig schauen wir noch, bevor wir langsam wieder absteigen. 

Maria Hilber

ist Bloggerin und content scout bei clicktext, der Agentur für Content- und Social-Media-Marketing in Südtirol.
Sie liebt den Weg von den Atomen hin zu den Dolomiten, von Menschen zu Geschichten und vom Erleben zum Erzählen.