Was die Berge erzählen

Datum
26.08.2019
Tags
Natur

Was die Berge erzählen

Man kann sie flüstern hören. Wenn man genau hinhört, dann flüstern Latemar und Rosengarten leise ihre Geschichte. Unsere heutige Wandertruppe – Hannes, Valentina und ich – trifft sich an einem wechselhaften Samstagmorgen mit dem Eggentaler Geologen Gerhard Eisath und darf eintauchen in die einstige Meereswelt. Eine Welt, die uns zwei Riffatolle hinterlassen hat: den Latemarriesen und das Rosengartenmassiv.

Wunder der Geschichte

Bis zum Urknall reicht die erdwissenschaftliche Einführung, die uns Gerhard in der Hotelbar der „Alpenrose” in Carezza gibt. Um die Dolomiten – genauer gesagt Rosengarten und Latemar – zu erklären, reichen allerdings die letzten 250 Millionen Jahre! :-) Der Geologe erzählt: „Auf der Erde gab es damals nur einen einzigen Kontinent. Als dieser aufgrund tektonischer Ereignisse auseinanderzubrechen begann, bildeten sich durch das Eindringen eines Meeres die massigen Riffkörper der Dolomiten. Diese sind innerhalb von 20-30 Millionen Jahren gewachsen; gegen Ende konnte das Riff nicht mehr nach oben wachsen – weil sich Riffe ja nur unter der Wasseroberfläche bilden – aber die Organismen haben so fest weitergearbeitet, dass es in die Breite weitergewachsen ist.” Auf diese Weise ist der Rosengarten stolze acht Kilometer lang geworden! Der Wissenschaftler zeigt auf seine Unterlagen. „In den tiefen Becken des Ozeans wurden im sauerstoffarmen Milieu Beckensedimente abgelagert. Durch das laterale Wachsen des Riffs verzahnt dieses mit den Beckensedimenten.” 
Unser Blick wandert zwischen Gerhards Unterlagen und dem Rosengarten hin und her, bei dem man diese „Verzahnungen” gut erkennen kann.
„Obwohl sie ähnlich ausschauen, ist im Kalkgestein des Latemar nur Calcium enthalten, im Dolomitgestein des Rosengarten auch Magnesium. Nach der Riffbildung wurden viele Bereiche des Latemars von Lava durchschlagen und bedeckt. Dies war unter anderem ein Grund, warum sich hier der Kalk nicht in Dolomit umwandelte”, lehrt uns der 36-Jährige und zeigt uns Mikroskop-Bilder von Dünnschliffen, bei denen Muscheln, Schnecken, Schalenreste und helle Dolomitkristalle erkennbar sind. „Und wir gehen jetzt auch auf Fossiliensuche, seid ihr bereit?”, fragt unser Geologe. Na, und ob wir das sind! :)

Wandern, wo mal Meer war

„Genau da, wo wir jetzt wandern, war alles einmal Meer, vor und hinter uns liegt eine Südseeinsel. Man vergleicht Rosengarten und Latemar ja gerne mit den Bahamas!”, lacht Gerhard, als wir alle vier auf dem Parkplatz der Talstation des Sesselliftes Paolina ehrfürchtig unter dem Rosengarten stehen.
Die erste Teilstrecke des noch menschenleeren Weges führt uns durch den Wald. Gerhard verrät: „Ich habe die Rückseite des Latemars kartiert, hatte dort aber viel weniger Aufschlüsse – also Orte, an denen das Gestein an der Oberfläche untersuchbar ist – als hier am Rosengarten.”
Nach einer Weile Fußmarsch haben wir freien Blick auf den Rosengarten. „Die Schichten unter dem Riff heißen zusammengefasst Werfen Formation, sie sind nicht leicht zu unterscheiden. Wir befinden uns jetzt am Übergang vom Seis Member zum  Gastropoden Oolith, wo viele Gesteinsarten zusammenkommen: graue, gelbe, stark verwitterte, Mergel-Kalke oder Kalk-Mergel, das ist auch für mich oft noch schwer zu differenzieren”, gibt Gerhard lachend zu. Ganz schön viele Fachbegriffe für Laien wie uns und ich merke, wie auch Valentina und Hannes sich die Karte ins Gedächtnis zu rufen versuchen, die uns Gerhard vorhin gezeigt hat.

Sehen – Fühlen – Riechen

Das, was wir heute machen, ähnelt dem, was der junge Eggner während seines fünfjährigen Studiums gemacht hat: Als „Forschergruppe” in den Bergen unterwegs, gehen wir auf Fossilienjagd und schulen unser Auge für das Gestein.

Gerhard erklärt uns am ersten Aufschluss, dass ein Sandstein eine körnige Struktur hat und viel Glimmer enthält und ein Dolomitgestein weiß ist und aufgrund seiner Kristalle glitzert. Er holt eine 10%-ige Salzsäure aus seinem Rucksack und gibt einige Tropfen davon auf einen Stein. „Wenn es Kalk ist, schäumt die Lösung auf, wenn sie das nicht tut, ist es es Dolomit.” Es passiert nichts, was bedeutet, dass wir hier unten schon Dolomitgestein gefunden haben. <BILD 10> <BILD 11>
„An diesen Aufschlüssen kann man gut erkennen, wie sich die einzelnen Schichten abgelagert haben.” Manchmal stolpert man zufällig über Aufschlüsse, erzählt der Wissenschaftler weiter, als er seinen Geologen-Hammer hervorholt und einen Stein auseinander schlägt. Sofort steigt ein Teergeruch in unsere Nasen. „Durch die ins Meer hineingetragenen Pflanzenteile riechen Steine oft bituminös. Die Pflanzenteile konnten nicht verrotten, da sie rasch von einer Sedimentschicht eingeschlossen wurden, und das riecht man nun.
In kalkigen Schichten schreitet die Verwitterung schneller voran, als in anderen. Auch der Latemar wird deshalb nicht ewig Bestand haben – von ihm bleibt irgendwann nur noch ein Hügel übrig”, prophezeit er, als wir später unseren Blick auf den imposanten „Nachbarn” richten. „Auch durch die vielen Klüfte und die großen Gänge ist er sehr viel anfälliger als der Rosengarten.” Der Gedanke daran, dass ein mächtiger Urgroßvater unserer Erdgeschichte dermaßen zerbrechlich ist, geht uns unter die Haut.
 

Auf Schatzsuche im „Small Canyon“

Der nächste Aufschluss wirkt durch die vorherrschende Atmosphäre und das sanfte Wasserplätschern wie ein kleiner Canyon. „Die Schicht hier heißt Campill Member und ist durch den roten Sandstein mit viel Glimmer und Muschellagen leichter zu erkennen als die vorige. Hier gab es früher ein seichtes Meer, daher findet man hier typische Wellenrippeln und mit etwas Glück sogar Seesterne.” Unser Ehrgeiz ist geweckt. Wer wird wohl den Fund des Tages nach Hause tragen? :) Im Gegensatz zu uns „Hobby-Sammlern” erkennt der Geologe mit seinem geschulten Auge die feinsten Unterschiede und Verwitterungsspuren. So findet er hier ein „Konglomerat”, einen Stein zusammengeklebter Kiese, der eigentlich erst in den oberen Schichten vorkommt. Je mehr Valentina, Hannes und ich aber suchen, stöbern und erklärt bekommen, desto mehr schärft sich auch unser Blick und wir finden eine Menge Handstücke mit Fossilienresten. „Oft findet man ein Fossil im Inneren des Steines, wenn man ihn auseinander schlägt”, ruft Gerhard. Das Glück haben wir heute zwar nicht, trotzdem ist unser „Small Canyon” eine riesige Fundgrube, an der man normalerweise wohl achtlos vorbeigehen würde. „Ist das ein Seestern?”, höre ich Hannes rufen und wir scherzen, dass man sich hier wie ein Kind im Schlaraffenland fühlt. Den einen oder anderen Fund packen wir in unsere Rucksäcke. Gerhard lacht: „Man trägt nach solchen Ausflügen oft viel Gewicht nach Hause!”

Es wird schräg ...

Weiter geht’s. „Das ist die Contrin Formation,” Gerhard zeigt auf weiter oben gelegene mächtige Felsvorsprünge, „und darunter befinden sich die Morbiac Kalke und das Richthofen Konglomerat.” Wir wollen auf den Paolina Weg am Fuße des Rosengartens, wo wir andere Wanderer erblicken. „Als Geologe darf man aber auch mal vom Weg abgehen”, grinst Gerhard und wandert voraus – querfeldein, die Steigung hoch, zwischen Wiesen und Felsen immer weiter hinauf – hier finden wir im Schutt einen Pietra verde. „Diese vulkanische Ablagerung aus Asche und Tuff wurde im Becken, innerhalb der Buchenstein Formation, abgelagert”, freut sich der Geologe. Es wird steiler und wir nähern uns den gewaltigen, senkrecht aufragenden Felswänden der Rotwand. Dunkle Wolken ziehen bedrohlich über sie hinweg und schaffen eine eindrucksvoll dramatische Kulisse. Wir hoffen, dass das Wetter noch eine Weile mitspielt und achten darauf, dass jeder Schritt sitzt, wir kein Edelweiß zertreten und sich kein Geröll löst. Da … ein Pfeifen. „War das ein Murmeltier?”, fragt Valentina. Tatsächlich sitzt nur ein paar Meter von uns entfernt ein „Murmele”. Nach dieser erfreulichen Begegnung gelangen wir auf den ebenen Wanderweg. „Seht ihr diese Falte da vorne? Durch das Absinken des gesamten Bereiches entstand hier in einem tropischen und klarem Meer vor Millionen Jahren eine mächtige Riffplattform, die Contrin Formation. Durch Tektonik kam es anschließend zum Auseinanderdriften und Kippen dieser Plattform. Die gesamte Zone sank stark ab und die mächtigen Felswände des Rosengartens aus Schlern Dolomit bildeten sich. Durch die Auflast dieses neu entstandenen Riffs wurden die darunterliegenden, verkippten Schollen teils deformiert”, schwärmt Gerhard. „Zuerst war alles horizontal und nun gibt es hier diese Verbeulung!”

… und bunt!

Wir tasten uns an den Felswänden entlang. Am letzten Aufschluss gibt es am Weg wie Ziegel übereinander gelegtes Gestein. Diese Gesteine der Morbiac Kalke  wurden innerhalb eines seichten und trüben Meeres abgelagert, lassen wir uns erklären. „Schau mal”, flüstere ich Valentina zu, „wie zerbrechlich diese Steine hier sind.” Fast Schicht für Schicht kann ich sie auseinandernehmen. Über unseren Köpfen erspähen wir einen Sperber, der kraftvoll über den Gipfeln auf der Stelle schwebt. Erneut halten wir inne und staunen über die atemberaubende Bergnatur.
„Wir nehmen jetzt diesen – naja, etwas „ausgewaschenen” – Weg nach unten!”, ruft Gerhard. Uns ist schnell klar, warum: Das Richthofen Konglomerat zeigt sich hier von seiner schönsten Seite: Als hätte jemand mit einem Pinsel bunte Wasserfarben über die Landschaft gespritzt, befinden wir uns nun inmitten farbenprächtiger Gesteinsbrocken. Die Natur ist eine Künstlerin, ganz eindeutig. 
 

Psst ...

Vor Millionen Jahren haben sich Latemar und Rosengarten aus dem Erdboden durch tosende Meere fast 3000 Meter in die Höhe gekämpft und sind heute doch so zerbrechlich. Mit dieser Erkenntnis nach fast fünf Stunden pausenlosen Entdeckertums verläuft unser Abstieg ruhig und besonnen. Ich bin mir sicher, dass wir künftig mit offeneren Augen zu Wanderungen aufbrechen werden. Nach diesem ganz besonderen Wandererlebnis kehren wir jedenfalls mit jeder Menge bunter Steine und einem neuen Bewusstsein für die Eggentaler Dolomiten ins Tal zurück. Denn heute, da haben wir sie zum ersten Mal tatsächlich flüstern hören.Psst ...

Sarah Meraner

ist Verantwortliche für Digital Storytelling bei clicktext, der Südtiroler Agentur für Corporate Content und Bloggerin von „Geschichten im Kopf“. Sie erlebt die Welt mit allen Sinnen und erzählt von ihr. In Worten. In Geschichten. In Bildern.

Für die italienische Übersetzung dieses Textes verantwortlich: Serena Schiavolin, Translation-Fee und verantwortlich für den Italian Content bei clicktext. Sie haucht den Geschichten noch den typisch italienischen Touch ein!