„Zuerst das tun, was richtig ist“
Vielfaltsbauer Michael Pfeifer baut am Eisathhof rund 500 Sorten an. Ein Rundgang.
Hunderte Sorten Gemüse wachsen am Eisathhof in Deutschnofen. Dahinter steht ein junger Landwirt mit Haltung und Nähe zur Natur. Davon profitiert auch die lokale Gastronomie.
In kurzen Abständen hebt und senkt sich der kleine Heuhügel im Beet – fast so, als ob er atmen würde. „Ein Maulwurf“, vermutet Michael Pfeifer. „Oder ein Frosch.“ Er steht am Hang an der Hofzufahrt, in einem seiner Gärten. Daneben ruhen Dutzende Zwiebeln in hölzernen Kisten. Viel der Ernte ist getan: Der Sommer neigt sich dem Ende zu. Es war der vierte, den Pfeifer Vollzeit am elterlichen Eisathhof verbracht hat. Gemüse baut er hier, unweit der Dorfeinfahrt von Deutschnofen, schon länger an. Leben kann er erst seit einigen Jahren davon – auch dank eines Projekts, das Landwirtschaft und Gastronomie aus dem Eggental zusammenbringt und die Produkte der einen in die Küchen der anderen bringt.
Rund 500 Sorten kultiviert Pfeifer auf 1.350 Metern Meereshöhe und 4.000 Quadratmetern. Allesamt samenfest, die er selbst vermehrt und zu Jungpflanzen heranzüchtet. „Im Gemüseanbau spielen samenfeste Sorten eine untergeordnete Rolle“, sagt Pfeifer. Hybride „Eintagsfliegen“ garantieren nur eine Ernte, „sind aber besser geeignet für eine Monokultur und uniformer – so wie es der Handel verlangt“.
Für den Handel produziert Pfeifer aber nicht. Deshalb hat er seinen Hof auch nicht biologisch zertifizieren lassen. Obwohl er naturnah arbeitet, ohne Einsatz chemischer Mittel. Als Dünger kommen nur der Mist der Tiere am Eisathhof – Schafe, Hühner, Schweine – und Gras auf die Beete und Äcker.
Schädlinge wie die Spanische Wegschnecke werden mit konsequentem Mähen und Helferlein wie den Fröschen ferngehalten, die in einem eigens angelegten Graben unter den Gärten laichen. Andere mit engmaschigen Netzen.
In der Schulzeit hat der 28-Jährige begonnen, mit Gemüse zu experimentieren. „Von einem Saatgutfestival bin ich mit 50 Sorten heimgekommen“, erinnert sich Pfeifer. Tomaten, Salat, Weißkohl („Kobis“ im Dialekt), Linsen, Leinsamen, Getreide, Kartoffeln (die im Eggental alle „Erdäpfel“ nennen).
Ein befreundeter Bauer brachte ihn mit Sternekoch Theodor Falser in Welschnofen zusammen. Er wurde der erste Abnehmer von Pfeifers Gemüse. Die Zusammenarbeit besteht seit fast zehn Jahren. Und so wie in den Beeten die Sorten kamen, weitere Köche dazu. Zehn beliefert Pfeifer heute direkt. Zu manchen findet sein Gemüse über das Projekt Eggental Taste Local.
2022 startete die Plattform, auf der Landwirtinnen und Landwirte aus dem Eggental ihre Erzeugnisse der lokalen Gastronomie anbieten. Ganz unkompliziert. „Als Koordinator in Deutschnofen sammle ich die Angebote der teilnehmenden Bauern für die kommende Woche, stelle sie in unsere WhatsApp-Gruppe, wo die Köche wiederum bestellen können“, erklärt Pfeifer.
Mit Vorteilen für beide Seiten: Die Gastronomie erhält frisches saisonales Gemüse von vor Ort, die Landwirtschaft einen Absatzkanal. „Was das Projekt ausmacht, ist die Zusammenarbeit auf Augenhöhe“, sagt Pfeifer.
„Bei all den Sorten ist immer wieder etwas Besonderes darunter, woraus sich wirklich tolle Sachen zaubern lassen.“
Rundgang durchs Gewächshaus. Hier leuchten Tomaten: gelb, schwarz, rot, gestreift, gesprenkelt, spitz und bauchig. Ganze 140 Sorten gibt es am Eisathhof. Dazu etwa 30 Bohnen-, je 20 Kartoffel- und Karottensorten. Verschiedene Salate, Zucchini, Kürbisse, Kohlarten, Hülsenfrüchte.
Die immense Vielfalt sichert konstante Erntemengen: „Kollegen hatten wegen des Regens voriges Jahr bei den Erdäpfeln bis zu 80 Prozent Ausfall. Bei mir waren es höchstens zehn Prozent, denn einige Sorten waren in der Nässe enorm ertragreich.“ Köche schätzen die Farben und Formen des Gemüses als kreative Herausforderung. Selbst gelernter Koch, weiß Pfeifer: „Bei all den Sorten ist immer wieder etwas Besonderes darunter, woraus sich wirklich tolle Sachen zaubern lassen.“ Nur Auberginen und Paprika fehlen – dafür ist es am Eisathhof aufgrund der Lage zu kühl.
Auch 20 Sorten Getreide gedeihen hier, aber nur für den Eigenbedarf. Sie werden von Hand gemäht, gedroschen, gemahlen. „Ich liebe es, mit Teigen zu arbeiten“, sagt der Gemüsebauer.
Am Hof lebt Michael Pfeifer mit Partnerin Alice, zwei gemeinsamen Kindern und den Eltern Herta und Roman. Dass er den Gemüseanbau seit einigen Jahren im Vollerwerb und als Null-Kilometer-Job vor der eigenen Haustür betreiben kann, hat Pfeifer neben den Köchen auch seinen Privatkunden zu verdanken: Zwei Handvoll Gemüse-Abos liefert er jede Woche aus, die Kisten gefüllt mit dem, was gerade Saison hat. Daneben verkauft er Jungpflanzen und Saatgut ab Hof und auf Märkten.
Eine große Stütze ist Vater Roman, der als erfahrener und pensionierter Gärtner überall zur Hand geht. Zusätzliche Unterstützung kriegt Pfeifer von „WWOOFern“, freiwilligen Helfern, die über die Plattform Worldwide Opportunities on Organic Farms zu ihm kommen und für Kost und Logis am Hof mitarbeiten. Bis zu drei sind vom Frühjahr bis in den Spätherbst am Eisathhof zugegen. Gerade pult ein Paar aus Deutschland Erbsen aus den Schoten. Für Pfeifer sind diese Begegnungen mehr als Hilfe bei der Arbeit. Die Zeit zum Reisen ist weniger geworden. „Aber ich kann Reisende zu mir holen und mit ihnen ein Stück Kultur aus anderen Ländern.“
Bei Hofführungen erzählt Michael Pfeifer von dem, was er tut, gibt Wissen und ein Stück seiner Passion weiter. Für ihn zählt nicht, wie groß eine Tomate, wie gerade eine Karotte ist: „Das Wichtigste am Gemüse ist der Geschmack.“ Mit seinen Gärten und Äckern hat sich der junge Landwirt ein Stück Freiheit und Unabhängigkeit geschaffen. Doch seine Arbeit versteht er auch als Beitrag zu einem notwendigen Wandel mit neuen, gesunden Maßstäben: naturbelassene Produkte, faire Preise. „Ich tue zuerst das, was richtig ist, dann, was wirtschaftlich ist“, sagt Pfeifer. Sein großes Glück ist, dass er beides verbinden kann.
Auszug aus: Eggental Magazine, 2025
Text: Lisa Maria Gasser
Photos: Gabriel Eisath
Redaktion: Exlibris, Bozen
REGIONALE KREISLÄUFE
Was im Eggental wächst, bleibt im Eggental: Das Pilotprojekt Eggental Taste Local startete 2022, um die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Gastronomie zu stärken. Dabei verkaufen die Bauernhöfe Gemüse und Eier direkt an die Hotels und Restaurants im Tal – mit dem Ziel Erfahrungen zu sammeln, voneinander zu lernen und gemeinsam zu wachsen. Insgesamt sind 30 Gastrobetriebe und 15 Landwirtschaftspartner in den drei Gemeinden Deutschnofen, Welschnofen und Karneid mit dabei.
Mehr zum Projekt und zu den teilnehmenden Betrieben: eggental.com/taste-local






