Ein Wegweiser zur inneren Ruhe
Dr. Thomas Bernagozzi hat in Obereggen das Achtsamkeits-Projekt Mindful.Latemar gestaltet, mit dem er seinen Gästen regelmäßig einzigartigen meditativen Momenten inmitten einer imposanten Natur beschert. Aber auch auf eigene Faust können solche Momente jederzeit entstehen. Mit Hilfe einer App – im Sommer wie im Winter.
Es ist mucksmäuschenstill am Golfrion, der Erhebung über der Bergstation der Obereggener Ochsenweide-Gondelbahn, bevor ein klarer heller Klang die Ruhe unterbricht. „Wie geht es Euch“, fragt Dr. Thomas Bernagozzi die vier Frauen und zwei Männer, die auf Holzsockeln dem Latemar zugewandt stehen und mit geschlossenen Augen spüren, wie der leise wehende Wind ihre Gesichter umspielt. Mit den beiden Klangkörpern seiner Zimbel holt er sie aus ihrer Konzentration und reflektiert mit ihnen ihre Emotionen.
Wenn Thomas mit seinen Gästen den Mindful.Latemar-Rundweg begeht und sie auf intensive Erlebnisse mitnimmt, dann entstehen dabei solch einzigartige meditative Momente - genau jene, die er als besonders wichtig empfindet. „Denn nur in den Momenten der Gegenwart haben wir einen Einfluss auf unser Leben“, sagt der Bozener Psychologe, der als zertifizierter Achtsamkeitstrainer hier oben einen in dieser Form einzigartigen Parcours mit 18 Stationen entwickelt hat.
Die Idee dazu entstand eigentlich aus einem Zufall, als Dr. Thomas Bernagozzi und der Marketingleiter der Obereggener Liftgesellschaft, Thomas Ondertoller, für die Planung einer Sonnenuntergangs-Meditation zusammen in der Berghütte Oberholz saßen. Sie unterhielten sich über Bernagozzis Meditations-Projekte in den Parks von Mailand und bekamen schnell das Gespür dafür, dass das, was in der Großstadt funktionierte auch hier oben vor dem überwältigenden Panorama des Latemar Menschen faszinieren würde.
Beim Blick von der Berghütte Oberholz auf den Golfrion, entstand ein erster gemeinsamer Plan. Hier, wo im Oktober 2018 der grausame Sturm Vaia so gut wie jeden Baum entwurzelte, sollte ein Ort entstehen, der die Widerstandsfähigkeit und auch die Wiedergeburt der Natur symbolisiert und an dem sich für alle, die ihn bewusst erleben wollen, eine Möglichkeit der Entschleunigung bietet. Dessen Gesicht sollte Dr. Thomas Bernagozzi werden - mit seinem wissenschaftlichen Background und seiner Erfahrung als Psychologe.
„Wir können uns mit den Klängen und Gerüchen der Natur verbinden und in dieser traumhaften Dolomitenlandschaft zu uns finden“
Dr. Thomas Bernagozzi begann folglich damit, den Mindful.Latemar-Rundweg zu entwickeln. So, dass er sowohl im Sommer als auch im Winter begeh- und erlebbar ist. So, dass er in seiner Begleitung begangen werden kann oder mit Hilfe einer App auf eigene Faust. Und so, dass das Zusammenspiel zwischen Natur und Meditation auf möglichst einfache Art gelingen kann.
„Ursprünglich wollte ja ich Medizin studieren“, blickt Thomas zurück – aber er verwarf die Pläne und beschloss, in jungen Jahren die Welt sehen zu wollen und zu reisen. Nachdem er in Australien seine ersten Erfahrungen mit Meditation sammelte, wandte er sich dem Psychologie-Studium zu und entdeckte das Thema Achtsamkeit für sich. Nach dem Abschluss des Studiums ließ er sich zum Mindfulness-Trainer weiterbilden, was für ihn auch bedeutete: Ein Jahr lang einmal im Monat eine Woche lang absolute Stille. Ohne Kommunikation, ohne Handy, nur mit dem Blick auf sein Inneres. Aber es hat sich gelohnt, sagt Thomas heute. Das Schönste daran sei, dass er mit Menschen arbeiten könne, die bewusst etwas für sich tun wollen: „Als Arzt hätte ich mit Medikamenten arbeiten müssen, als Psychologe kann ich mit dem Kopf und mit der Seele arbeiten.“
Die Möglichkeiten, die ihm dabei die Schönheit der Natur hier am Golfrion gibt, genießt Thomas mit seinen Gästen jedes Mal aufs Neue. „In der Natur zu meditieren, ist einfach“, sagt er, während es mit seiner ruhigen und natürlichen Art immer wieder gelingt, Zugang zu den Menschen zu finden: „Wir können uns mit den Klängen und Gerüchen der Natur verbinden und in dieser traumhaften Dolomitenlandschaft zu uns finden.“ Vor dem Eintritt durch das stählerne Mindful.Latemar-Portal bittet er jeden Teilnehmer, sich einen Stein auszusuchen, ihn aufzuheben und mitzunehmen. Auf den Stationen, die in Zusammenarbeit mit der Fakultät für Design und Künste der Universität Bozen gestaltet wurden, lädt Thomas dann zur Meditation ein, die er mit dem Klang seiner Zimbel einleitet.
„Nur wenn du deine Situation akzeptierst, kannst du dich auch ändern und neu erfinden“
Thomas nimmt dabei die Themen und Stimmungen auf, die ihm die Natur vorgibt. Er spricht vom Wind hier oben, von der Luft, die alle zum Atmen brauchen. Er führt zu einem Baum, dem einzigen weit und breit, der dem Sturm Vaia widerstanden hat. Schwer gezeichnet zwar, aber heute als Sinnbild von Veränderung und von den Chancen eines Neuanfangs. „Nur wenn du deine Situation akzeptierst, kannst du dich auch ändern und neu erfinden“, sagt er - und richtet seinen Blick auf die beiden Pferde, denen der Baum im Sommer wertvollen und kühlenden Schatten spendet. Thomas zeigt, wie trotz der immensen Zerstörung überall neues Leben entsteht, pflückt wild wachsende Himbeeren, die im Licht der Sonne plötzlich reifen können. Sich die Natur zum Vorbild zu nehmen, von ihr zu lernen, zu spüren, wie gesund sie für uns ist - das möchte Thomas seinen Teilnehmern unaufdringlich und in sich ruhend vermitteln. Jeder, so sagt er, könne hier zu sich selbst und zu seiner Mitte finden. „Wenn wir es schaffen, davon etwas in unseren Alltag zu integrieren und vom Urlaub mit nach Hause zu nehmen, dann haben wir viel erreicht“, sagt der Psychologe. Achtsamkeit - das heißt für ihn auch zu verstehen, „dass wir alle miteinander verbunden sind“. Den Autopiloten auszuschalten, sich seines Handelns und dessen Konsequenzen bewusst zu sein, „das bietet die große Chance, mehr Freundlichkeit und Liebe in unser Leben zu bringen.“
Am Ende einer fast zweistündigen Wanderung über den Mindful.Latemar Weg macht Thomas Halt an der letzten Station. Jeder soll den Stein vom Anfang hier wieder ablegen, loslassen, bevor es mit der Gondel wieder zurück ins Tal geht. Auf einem mit Kreide beschriebenen Wegweiser offenbaren sich Wünsche und Gedanken. Es ist noch einmal ganz ruhig, alle sind in sich gekehrt, reflektieren ihre Erlebnisse und Emotionen. Ein Jeep fährt gerade den Weg vom Tal hinauf. Er ist weit weg und ganz leise, eigentlich kaum zu hören. Aber er stört trotzdem die achtsame Ruhe hier oben. Thomas sagt: „Wenn wir unsere Mitte spüren, nimmt unser Gehirn wahr, dass das kein natürliches Geräusch ist.“


















