Bajuwaren, Bergbau und Broschglt
Jens
Autor Jens Vögele
Tag EggentalerInnen

Bajuwaren, Bergbau und Broschglt

Albert Pfeifer, auf dem Spörlhof aufgewachsen und lange Jahre Lehrer in Deutschnofen, kennt die Geschichten des Dorfes.

Deutschnofen ist ein besonderer Ort für mich“, sagt Albert Pfeifer. Er ist hier tief verwurzelt – nicht nur weil er auf eine lange familiäre Geschichte auf dem Spörlhof am westlichen Ortsrand zurückblicken kann. Sondern auch weil er einen Großteil seines Berufslebens hier verbracht hat und bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2009 an der Deutschnofner Grundschule als Lehrer unterrichtete. „Hier ist meine Heimat“, sagt Albert Pfeifer. Und hier kennt er sich aus, weil er sich nicht nur aus beruflichen Gründen mit der Geschichte des Orts und dessen Besonderheiten intensiv befasst hat.

Heute ist Deutschnofen mit seinen rund 4000 Einwohnern längst ein vom Tourismus geprägter Ort mit einer modernen Infrastruktur geworden. Annehmlichkeiten und Wohlstand - als Errungenschaften der letzten Jahrzehnte - gehörten in der langen Geschichte des Orts aber alles andere als zur Normalität. „Das Leben im Bergdorf Deutschnofen war beschwerlich“, blickt Albert Pfeifer noch auf seine eigenen Erfahrungen zurück. Wie er selbst noch beobachtete, dass der alte Bauer vom Nopphof mit dem Ochsenfuhrwerk das wertvolle Eggentaler Holz ins Tal brachte, um damit zu handeln. Und schließlich mit „Broschglt“ – wie man in Deutschnofen zu Maische sagt – den langen und steilen Weg übers Sissatal von Leifers aus wieder hinauf zum Wölflhof und zurück zum Nopphof zu kommen. „Den Wein, den er daraus gemacht hat, hat er zumeist auch selbst getrunken“, erzählt Albert Pfeifer schmunzelnd.

„Insgesamt bin ich so als Schüler praktisch acht Mal von zuhause nach Berlin gelaufen“

Albert Pfeifer - Deutschnofen

Albert Pfeifer, der damals noch klein war, lernte dabei schnell, dass das Leben auf dem Hof in den Bergen kein Zuckerschlecken war. Auf dem Hof galt es für ihn und seine sechs Geschwister tatkräftig mitanzupacken, die Kühe in den Wald zu treiben und zu hüten. Und wenn die Schule gerufen hat, klingelte um halb sechs der Wecker, sechs Kilometer Fußweg bei Wind und Wetter, und am Nachmittag um drei wieder sechs Kilometer zurück. „Insgesamt bin ich so als Schüler praktisch acht Mal von zuhause nach Berlin gelaufen“, sagt Albert Pfeifer: „Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.“

Dabei hat Albert Pfeifers Generation noch die vergleichsweise guten Zeiten erlebt. Hier oben, auf dem Hochplateau in einer Höhe von 1360 bis 1500 Metern war das Leben schon immer besonders hart. In schlechten Sommern, wenn das Getreide nicht reif wurde, mussten viele Menschen Hunger leiden – doch trotz der schwierigen Bedingungen, entstanden hier schon früh Siedlungen, die den Ursprung des heutigen Deutschnofen.

Dass schon vor Christi Geburt Menschen auf dem Deutschnofner Hochplateu gelebt haben, davon zeugen einige Spuren und Hinweise – allerdings ist die konkrete historische Quellenlage dafür eher dürftig. Vermutungen zufolge lebten die ersten Deutschnofner genau da, wo sich heute Spörl- und Nopphof befinden: im Viertel Manée, das wohl bedeutend früher bestand als das heutige Deutschnofen selbst. Es waren Menschen keltischer, langobardischer, etruskischer oder illyrischer Herkunft, die sich hier niederließen. Von den Römern wurden sie – wie alle Menschen, die im Gebirge der Alpen lebten – als Räter bezeichnet. Sie fungierten als Namensgeber der römische Provinz Raetia, die einen großen Teil der Alpen umfasste. Eines der Vermächtnisse der Räter lebt in der Region bis heute weiter: in Gestalt der rätoromanischen ladinischen Sprache, die etwa im Gader-, Grödner- und im Fassatal noch aktiv gesprochen wird und sich neben Italienisch und Deutsch als Amtssprache gehalten hat.

Der Name Deutschnofen allerdings ist erst entstanden, nachdem das Römische Reich längst niedergegangen war. Den Bajuwaren, die übers Pustertal ins Land kamen, wurde ein ausgiebiger Landhunger nachgesagt, weshalb sie von den Tälern aus kommend neue Flächen in höheren Lagen durch ausgiebige Rodungen urbar machten. Als Nova – was so viel wie neues Land bedeutete – ist Deutschnofen 1150 das erste Mal urkundlich erwähnt. Im Laufe der Zeit wurde daraus Nova Teutonica, abgeleitet von der ursprünglichen Herkunft der neuen Bewohner. „Nova Teutonica war eine typisch bajuwarische Siedlung“, erklärt Albert Pfeifer: mit einem kleinen Ortskern und vielen weitläufig darum gestreuten Höfen.

Deutschnofen, das 1265 erstmals als Pfarre und 1272 als Gerichtssitz erwähnt wird, war immer geprägt von seiner geographischen Besonderheit: das Hochplateu ist quasi in alle Himmelsrichtungen von seiner Umgebung abgeschnitten. Der Weg von und nach Deutschnofen war stets beschwerlich und mit langen sowie anstrengenden Fußmärschen verbunden. Die Bewohner waren Selbstversorger und Landwirte – mit all den Schwierigkeiten, die die Lage auf über 1300 Metern mit sich brachte. Handel betrieben sie vornehmlich mit Holz, das sie mit Ochsenfuhrwerken durch das Brantental an die Etsch brachten, von wo es in Form von Flößen seinen Weg in Richtung Süden fand. „In so manchen Prachtbauen von Venedig und sogar im Vatikan soll Holz aus Deutschnofen verwendet worden sein“, berichtet Albert Pfeifer. Begehrt war das Holz aber auch als Brennmaterial, als Bauholz oder für den Weinbau. Zudem genoss das Klangholz alter Eggentaler Fichten einen exzellenten Ruf. Es fand im Geigenbau Verwendung, weshalb überliefet ist, dass der berühmte Geigenbauer Antonio Stradivari in den Wäldern rund um den Latemar das Holz für seine Geigen ausgesucht hat. Heute sind noch rund 650 Stradivari-Instrumente erhalten – die wertvollsten werden für siebenstellige Euro-Beträge gehandelt.

Auch der Bergbau zählte um das 15. Jahrhundert zu den Erwerbsquellen der Deutschnofner, wo insbesondere im Westen Richtung Brantental Fluorit abgebaut wurde. Bis heute zeugen die beiden Kirchen St. Helena und St. Agatha von der Bergbautradition. „Als Knappenkirchen“, sagt Albert Pfeifer,“ dienten sie insbesondere jenen, die der unbarmherzigen Arbeit im Bergbau nachgingen“. Ein Besuch der Kirchen lohnt sich immer – insbesondere wegen der wunderbar erhaltenen Fresken.

Darüber hinaus ist aber auch die im Jahr 1498 geweihte Pfarrkirche im Ortszentrum sehenswert. Ihr Herzstück ist der wertvolle Altar, der bereits um 1422 von Hans von Judenburg erschaffen wurde. Einst für die Bozner Stadtkirche bestimmt, fand er seinen Platz in der Deutschnofner Pfarrkirche, weil der Bozner Stadtrat im Jahr 1724 den Altar für nicht mehr zeitgemäß befand und deshalb verschenkte.

Die Weihung der Pfarrkirche fällt in jene Zeit, in der die Pest gewütet hat. Wie sehr in Deutschnofen, das lässt sich heute nicht mehr konkret nachvollziehen. Überliefert ist die Sage von einem Mädchen vom Tschufflerhof als einziger Überlebender im ganzen Dorf. Es ist wahrscheinlich, dass dies nicht der Wahrheit entspricht. Aber der „Schwarze Tod“ hat das Leben auf vielen Höfen dezimiert, wenn nicht gar ausgelöscht. Der weit verbreitete Glaube, über nächtliche Verrichtungen der landwirtschaftlichen Arbeit der Ansteckungsgefahr zu entkommen, hat sich in allzu vielen Fällen als falsch – und damit als tödlich - erwiesen.

Deutlich klarer ist die Quellenlage sowie die Erinnerung an mindestens ebenso einschneidenden Ereignisse: die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert. „Es gibt keine Familie, in denen die Folgen davon nicht mehr präsent sind“, sagt Albert Pfeifer. Eine ganze Generation von jungen Männern sei in den beiden Kriegen aufgerieben worden, viele davon sind nicht mehr zurückgekommen, weil sie an der Front ums Leben gekommen sind. Das Militär hat die Tiere mitgenommen, um Nahrung für die Soldaten zu organisieren, die Kirchenglocken mussten eingeschmolzen werden, um daraus Kanonen zu gießen, die im Dorf verbliebenen Frauen mussten sich um die Höfe – oder das was von ihnen übrig geblieben war – alleine kümmern.

Doch auch nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 wurden die Sorgen nicht weniger. Infolge des Kriegs gehörte Südtirol von 1919 an zu Italien, und als Mussolinis Faschisten an die Macht kamen, war alles, was an die deutschsprachige Geschichte und Tradition erinnerte, verboten. Kinder mussten in italienische Schulen gehen, Ortsverwalter wurden aus dem italienischen Staatsgebiet entsendet, deutsch zu sprechen war offiziell verboten. „Es bildeten sich Katakombenschulen, in denen die Kinder von den Höfen trotzdem auf deutsch unterrichtet wurden“, erzählt Albert Pfeifer von Widerstandsversuchen. Gleichzeitig gab es aber auch ein großes Misstrauen unter den Bewohnern Deutschnofens. Niemand wusste vom anderen genau, ob er auf der Seite der Faschisten stand oder nicht. Den traurigen Höhepunkt fand diese Entwicklung im Jahr 1939, in dem sich alle Südtirolerinnen und Südtiroler entscheiden mussten, ob sie ins Deutsche Reich auswandern oder in Italien bleiben wollen. Familien wurden oft auseinandergerissen und manche Südtiroler fanden so unfreiwillig eine neue Heimat.

Durch den im selben Jahr beginnenden Zweiten Weltkrieg spitzte sich die Situation weiter zu. Welch bizarre Züge das Leben damals bekam, macht Albert Pfeifer an einer eigenen familiären Erfahrung fest. Zunächst wurde sein Vater vom italienischen Heer in der Nähe von Neapel eingesetzt. Bald darauf, nachdem Südtirol von Nazi-Deutschland besetzt war, musste er fürs deutsche Militär in Polen kämpfen und kam schließlich in russische Kriegsgefangenschaft.

Andere, die versuchten, sich dem Kriegsdienst zu entziehen, haben sich in Baracken im Wald versteckt. „Die wurden natürlich gesucht“, sagt Albert Pfeifer. Ihre Angehörigen wurden unter Druck gesetzt, sie zu verraten – mit teils drastischen Konsequenzen: „Ich weiß von einer Familie, in der Mutter und Tochter verhaftet und in ein KZ-artiges Lager in Bozen gesteckt wurden.“ Auch wenn an der Titschenwarte am Steilhang im Westen von Deutschnofen Abwehrgeschütze standen und deshalb dort abgeworfenen Phosphorbomben für einzelne großflächige Brände sorgten, ist Deutschnofen an sich aber vom Zweiten Weltkrieg nicht beschädigt worden.

Dennoch dauerte es lange, die Folgen des Krieges zu überwinden und in der neuen Realität als Teil Italiens einen Platz zu finden. Zwar war die Deutschnofner Lokalpolitik – mit Ausnahme der Zeit des Faschismus – südtirolerisch geprägt, die beiden Autonomiestatuten aus den Jahren 1948 und 1972 sowie deren Umsetzung war aber auch hier wichtig für die Beibehaltung der Südtiroler Identität. „Heute sind die Grenzen innerhalb Europas offen“, sagt Albert Pfeifer: „Zu welchem Staat wir in Zeiten eines friedlichen Europas gehören, spielt da glücklicherweise nur noch eine untergeordnete Rolle.“

Mittlerweile kommen Menschen aus aller Welt nach Deutschnofen, um dort ihren Urlaub, ihre schönsten Tage des Jahrs zu verbringen. Am Anfang war der Tourismus hier allerdings noch ein zartes Pflänzchen. In Deutschnofen gab es bis in die 1960er Jahre nur ein paar wenige Gasthäuser. Der Stern etwa oder der Rösslwirt im Dorfzentrum. Dies änderte sich aber rasant nach der Eröffnung des Skigebiets Obereggen im Jahr 1972. „Meine Mutter hat damals auf dem Spörlhof mit Urlaub auf dem Bauernhof begonnen“, erinnert sich Albert Pfeifer: „Sie war die elfte in ganz Südtirol, die das gewagt hat.“ Heute gibt es eine Vielzahl von Übernachtungsmöglichkeiten in Deutschnofen – von der einfachen Ferienwohnung bis hin zum Hotel mit allen Annehmlichkeiten.

Albert Pfeifer ist mittlerweile pensioniert und genießt zusammen mit seiner Frau die Schönheit seines Heimatorts. Er interessiert sich noch immer für die Geschichte Deutschnofens, widmet sich aber auch der Pflege von Wanderwegen und deren Beschilderung. Der Spörlhof, auf dem er aufgewachsen ist, wird von seinem Bruder und dessen Familie bewirtschaftet und ist nach wie vor beliebte Herberge von Urlaubsgästen.

Es ist hier fast wie auf einem Berggipfel“, sagt er, wenn sein Blick über die Landschaft schweift. Selbst im sonnenverwöhnten Südtirol gehört das Deutschnofner Hochplateau zu den Orten mit den meisten Sonnenstunden. Die geographische Abgeschiedenheit hat zwar durch Infrastruktur und Mobilität an Bedeutung verloren. Sie hat aber trotzdem dazu geführt, dass hier nach wie vor eine ganz eigene Färbung des Südtiroler Dialekts gesprochen wird. Unser Dialekt ist einer der eigenartigsten in ganz Südtirol“, sagt Albert Pfeifer. Während man fast überall im Land  beispielsweise „dahoam“ sagt, klingt das hier in Deutschnofen eben ein bisschen anders. Hier sagt man „dahaam“ – und wenn Albert Pfeifer das hört, dann trägt das eben auch dazu bei, dass er sich hier zuhause fühlt. Hier, an diesem nicht nur für ihn so besonderen Ort.

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